Rettberg: Insolvenz war vermeidbar

6. Februar 2002, 15:00
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Ex-Vorstand: Unternehmenskrise war im Frühjahr 2000 nicht erkennbar - Vorwürfe auch an Telekom Austria

Wien - Der früher Vorstandsvorsitzende der Libro AG, Andre Rettberg, hat am Mittwoch zu den Vorwürfen Stellung genommen, die im Gutachten von Kurzzeit-Finanzminister und Wirtschaftsprüfer Andreas Staribacher gegen ihn erhoben werden. Von der Erkennbarkeit einer Unternehmenskrise im Frühjahr 2000" könne keine Rede sein", stellt Rettberg in einer schriftlichen Stellungnahme fest. Libro sei im Beurteilungszeitraum "eines der bestgeprüften Unternehmen Österreichs" gewesen. Die Insolvenz von Libro wäre seiner Überzeugung nach "vermeidbar" gewesen.

Rettberg verteidigte die Expansion im Sommer 1999 nach Deutschland bzw. ins Internet. "Anfang 2000 war die vollständige Finanzierung dieser kostenintensiven Expansionsschritte sowohl durch den Börsegang als auch durch das Engagement der Telekom Austria (TA) bei Libro vertraglich sichergestellt", so Rettberg weiter.

"Euphorische Einschätzung"

Nicht nur er, sondern "nahezu die gesamte Welt" habe die Marktentwicklung im Internet bzw. im E-Commerce-Bereich zu euphorisch eingeschätzt, führt der Ex-Libro-Chef weiter an. Der Kurseinbruch an den Börsen der Jahre 2000/01 habe in diesem Marktsegment zu extremen Umsatz- und Gewinneinbrüchen geführt. Die von den USA auf Deutschland und Österreich übergreifende Resession habe den Buch- und Musikmarkt besonders hart getroffen, so dass "die von uns gesetzten Ziele nicht bzw. nicht rasch genug erreicht werden konnten".

Kritik an der Telekom Austria

Rettberg ortet aber auch ein Versäumnis bei der Telekom Austria: "Hätte die TA entsprechend ihren vertraglichen Verpflichtungen die anstehenden Zahlungen geleistet", hätte die von uns geänderte Strategie ...rascher gegriffen", heißt es in der Stellungnahme weiter.

"Eines der bestgeprüftesten Unternehmen Österreichs"

"Die Libro AG war im Beurteilungszeitraum - von der Börseneinführung bis zur Insolvenz - wohl eines der bestgeprüften Unternehmen Österreichs", führte Ex-Libro-Chef Andre Rettberg in seiner Stellungnahme zum Gutachten weiter aus. Drei führende Wirtschaftsprüfungskanzleien (KPMG, Ernst & Young, Auditor/Arthur Andersen) seien zum Teil überlappend tätig gewesen.

Arthur Andersen habe im fraglichen Zeitpunkt das Funktionieren des Rechnungswesens und insbesondere des Kontrollsystems - im Gutachten heißt es, ein internes Kontrollsystem habe gefehlt - geprüft und nichts beanstandet. Rettberg führt dies daruf zurück, dass dem Gutachter die "im Bereich der Planung, Budgetüberwachung und Controlling besonders sorgfältig geführte Dokumentation" offensichtlich nicht vorgelegen sei.

"Gutachten in wesentlichen Teilen nicht richtig"

Rettberg: "Wie Dr. Staribacher in seinem Gutachten selbst feststellt, wurden ihm von der Libro AG bzw. den Wirtschaftsprüfern nur unzureichend Unterlagen zur Verfügung gestellt. Ich bin davon überzeugt, dass das Gutachten daher in wesentlichen Teilen nicht richtig ist", so der Ex-Chef des Libro-Konzerns. (APA)

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