Rasinger sieht Rettberg nicht "hinter Gittern"

7. Februar 2002, 12:20
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Kleinaktionärsvertreter erwartet "maximal bedingte Verurteilung"

Wien - Das Sondergutachten über den Niedergang der Buch- und Papierhandelskette Libro, das einige schwerwiegende Vorwürfe gegen die ehemaligen Vorstände sowie den früheren Aufsichtsrat erhebt, wird voraussichtlich straf- und zivilrechtliche Folgen für "Mr. Libro" Andre Rettberg haben. Kleinaktionärsvertreter Wilhelm Rasinger rechnet aber nicht damit, dass Rettberg hinter Gitter gehen wird. "Es wird eine Fülle von Milderungsgründen geben und daher maximal eine bedingte Verurteilung", sagte Rasinger am Mittwoch.

"Notwendiges Signal"

Der Aktionärsschützer hält ein gerichtliches Vorgehen aber für ein notwendiges Signal: "Plötzliche Milliardenverluste müssen strukturiert aufgearbeitet werden", so Rasinger und fordert eine ähnliche Vorgangsweise beim Feuerfestkonzern RHI. Das Gutachten könnte auch ein "Trumpf in der Hand des Vorstandes" gegen alle im Prüfbericht genannten möglichen Betroffenen sein, darunter auch die Wirtschaftsprüfer, die Libro-Geschäftsgebarungen abgesegnet haben. "Das verschafft dem Vorstand eine gute Verhandlungsposition für einen eventuellen Vergleich", sagte Rasinger.

Den Aktionären werden allerdings weder mögliche Schadenersatzforderungen gegen frühere Organe noch eine strafrechtliche Verfolgung der Ex-Vorstände etwas bringen, so Rasinger. Die Aktionäre hätten zwar die Hauptlast der Misere getragen, "jetzt haben sie de facto Null davon".

Anders sieht das der Wiener Anwalt und ebenfalls Kleinaktionärsvertreter Wolfgang Leitner. "Mittelbar könnte es auch einen Vorteil für die Aktionäre geben, weil das Unternehmen dann besser dasteht", sagte er im ORF-Mitttagsjournal. Genau zu prüfen sei auch, ob es nicht auch eine Prospekthaftung in Zusammenhang mit dem Börsegang der Libro AG im Herbst 1999 ins Treffen geführt werden könnte.

Zeitpunkt entscheidend

Entscheidend für die weitere Vorgangsweise ist die Frage, zu welchem Zeitpunkt die Krise bei Libro absehbar war. Laut dem Gutachten, das Kurzzeit-Finanzminister und Wirtschaftsprüfer Andreas Staribacher erstellt hat, konnte "mangels eines detaillierten Management-Informationssystems der genaue Zeitpunkt der Erkennbarkeit der Unternehmenskrise nur näherungsweise ermittelt werden". Anhand der Bilanz vom 29. Februar 2000 habe sich aber schon erkennen lassen, dass Libro in einer Krise stecke. Sollte ein Gericht auf Basis der Staribacher-Feststellungen eine Insolvenzverschleppung erkennen, droht Rettberg eine Haftstrafe. (APA)

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