Milliardenbetrug an irischer Bank

7. Februar 2002, 11:43
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Devisenhändler verschwand mit 868 Millionen Euro

Dublin - Ein Devisenhändler hat die größte irische Bank Allied Irish Bank (AIB) in den USA um 750 Mill. Dollar (864 Mill. Euro/11,89 Mrd. S) betrogen. Der Betrug ereignete sich in der amerikanischen Allfirst Financial Inc. (Baltimore/Maryland), einer Tochter der AIB. Es ist der größte, seit im Februar 1995 der Börsenmakler Nick Leeson in Singapur den Zusammenbruch der Baring-Bank durch illegale Transaktionen in Höhe von 850 Mill. Pfund (1,390 Mrd. Euro/19,1 Mrd. S) herbeiführte.

"Schwerer Schlag, aber kein tödlicher"

AIB-Chef Michael Buckley sagte am Mittwoch in Dublin vor Journalisten: "Ich möchte betonen, dass wir, wenn wir in diesem Jahr 750 Mill. Dollar abschreiben müssen, immer noch einen Gewinn nach Steuern für das Jahr 2001 ausweisen werden." Das Überleben seiner Bank sei nicht bedroht. "Dies ist ein schwerer Schlag, aber kein tödlicher. Wir werden die Geschäfte, was unsere Kunden und Mitarbeiter angeht, wie normal weiter führen."

Verschwunden

Der Mitarbeiter ist Buckley zufolge seit Montag verschwunden. Er arbeitete in der Zentrale der Allfirst. Nach Angaben aus AIB-Kreisen in Dublin handelt es um John Rusnak, einen "Mann in den Vierzigern, seit sieben Jahren bei uns beschäftigt, Vater von zwei Kindern und regelmäßiger Kirchgänger". Rusnak sei im unteren bis mittleren Management beschäftigt gewesen und mit 85.000 Dollar pro Jahr relativ gering bezahlt worden. Buckley sagte lediglich: "Es handelte sich nicht gerade um einen Star unter den Händlern."

Buckley sagte, bisher sei noch nicht klar, ob der Betrug dazu diente, jemandem finanzielle Vorteile zu verschaffen oder ob es sich "möglicherweise nur um ein fürchterliches Durcheinander" gehandelt habe. Nach Bekanntwerden des Diebstahls hat die Bank die amerikanische Bundespolizei FBI eingeschaltet. Man glaube, dass sich der Devisenhändler noch im Raum Baltimore aufhalte. Fünf leitende Manager der Allfirst seien suspendiert worden. Dies bedeute jedoch nicht, dass sie mit dem Diebstahl etwas zu tun hätten. Es gebe Anzeichen dafür, dass Rusnak in der Bank Helfer gehabt habe. Dies sei aber noch nicht erwiesen.

Vorläufige Zahlen

Der irische Premierminister Bertie Ahern sagte vor dem Parlament in Dublin, es sei keineswegs sicher, dass der Schaden nicht noch größer sei. "Das sind natürlich nur vorläufige Untersuchungen, bei denen man derzeit ohne den Hauptbeteiligten vorankommen muss." Das Ausmaß des Betruges löste in der Bankenwelt Bestürzung und Fragen nach Kontrollen und Sicherheitsmaßnahmen bei großen Finanzdienstleistern aus.

Leeson: Bankenwelt weiter fahrlässig

Die Bankenwelt hat nach Ansicht des ehemaligen britischen Börsenmaklers Nick Leeson, dessen betrügerische Geschäfte 1995 den Zusammenbruch der britischen Bank Barings zur Folge hatten, nichts dazugelernt. In einem BBC-Interview sagte Leeson am Donnerstag, der Betrugsfall zeige, dass in der Bankenwelt immer noch "Inkompetenz und Fahrlässigkeit" an der Tagesordnung seien.

Leeson sagte, der einzige Unterschied zu seinem Börsenbetrug in Höhe von 850 Mill. Pfund (1,390 Mrd. Euro/19,1 Mrd. S) sei, dass die irische Bank den Schaden vermutlich überstehen könne. Wie er, sei auch Rusnak von "relativer Obskurität zum Starhändler" aufgestiegen, sagte Leeson. Er habe dann immer mehr Risiken auf sich genommen und schließlich die Kontrolle verloren. Die Frage sei, warum er nicht vom Management gestoppt worden sei, sagte Leeson der BBC.

(APA)

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