Ex-Boss droht Haft

7. Februar 2002, 12:19
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Aufsichtsrat spricht von "Insolvenzverschleppung" und will auf Schadenersatz klagen - Rettberg weist Vorwürfe zurück

Wien - Nach der spektakulären Pleite der Buch- und Medienhandelskette Libro im Vorjahr beginnt nun für Exvorstandschef André Rettberg das gerichtliche Nachspiel. Auf Basis des vorliegenden Sonderprüfberichts von Exfinanzminister und Wirtschaftsprüfer Andreas StariAubacher spricht der Libro-Aufsichtsrat von einer "mehrmonatigen Insolvenzverschleppung" durch Rettberg und will auf Schadenersatz klagen. Kommt auf diesem Weg Geld herein, fließt es direkt in die Ausgleichsmasse zur weiteren Befriedigung von Libro-Gläubigern.

Laut Staribacher-Gutachten hätte der drohende Zusammenbruch des Unternehmens schon "im Frühjahr 2000" zu erkennen sein müssen. Angemeldet wurde der Ausgleich aber erst Anfang Juni 2001 - mit Passiva von 334 Mio. Euro oder rund 4,6 Mrd. S.

Bis zu zwei Jahre

Sieht auch das zuständige Gericht im niederösterreichischen Wiener Neustadt den Tatbestand der Insolvenzverschleppung gegeben, drohen Rettberg bis zu zwei Jahre Haft nach den neuen Bestimmungen der "grob fahrlässigen Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen", wie Gerichtssprecher Friedrich Matousek erklärt. Der früher als "fahrlässige Krida" bezeichnete Tatbestand sei aber in Österreich nie besonders streng geahndet worden. In aller Regel kommen "nur ein paar Monate bedingt heraus, außer wenn jemand schon vorbestraft war", so Matousek.

Rettberg selbst weist alle Vorwürfe, die im Staribacher- Gutachten erhoben werden, von sich. Das Gutachten sei "unvollständig", da Staribacher wichtige, ihn entlastende Unterlagen vorenthalten worden seien.

In einer Stellungnahme, die Rettberg am Mittwoch über seinen Anwalt verbreiten ließ, heißt es: Von einer Erkennbarkeit einer Unternehmenskrise im Frühjahr 2000 könne "keine Rede sein". Libro sei von der Börseneinführung im Herbst 1999 bis zur Insolvenz im Juni 2001 eines der bestgeprüften Unternehmen Österreichs gewesen.

Kritik an Telekom

Nicht nur er, sondern "nahezu die gesamte Welt" habe die Marktentwicklung im Internet und elektronischen Handel zu euphorisch eingeschätzt. Hätte die Telekom Austria überdies ihre Verträge mit Libros Internettochter Lion.cc eingehalten - laut Insidern geht es um dreistellige Millionen-Schilling-Beträge - "hätte die von uns geänderte Strategie rascher gegriffen", so Rettberg. (Michael Bachner, DER STANDARD, Printausgabe 7.2.2002)

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