Leben im Wandel unter dem "ewigen Eis"

7. Februar 2002, 19:12
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Meeresbiologen tauchen Jahr für Jahr im norwegischen Eismeer an definierte Stellen und fotografieren dort Krebschen und Seesterne

Tromsö/Spitzbergen - Eisscholle um Eisscholle zerreißt wie Papier mit lautem Krachen und versetzt die Fische und Krebschen darunter in Angst und Schrecken, als sich der Rumpf der MS Jan Mayen kontinuierlich durchs Packeis schiebt. Schwärme von Möwen und Eissturmvögeln begleiten das Schiff und warten auf die leichte Beute der freigelegten Eisfauna.

Die Jan Mayen, ein ehemaliger Fisch-Trawler, wird heute von der Uni Tromsö genutzt. Wo früher kommerziell sortiert und gewogen wurde, vermessen und sezieren jetzt Wissenschafter, was in den überfischten Gewässern des norwegischen Meeres noch zu finden ist. Das Schiff befindet sich auf einer Fahrt rund um Spitzbergen, um Proben aus dem Packeis und vom Meeresgrund zu entnehmen. Björn Gulliksen, Meeresbiologe an der Uni auf Spitzbergen, hat sich auf die benthischen Organismen des Eismeeres (jene am Meeresboden) spezialisiert: Seesterne, Krebschen, Muscheln, Schnecken und Schwämme.

Bereits vor über einem Jahrzehnt hat er zahlreiche Stellen in Küstengewässern rund um Spitzbergen markiert, die er seitdem Jahr für Jahr kontrolliert. Während der Kapitän von der warmen Brücke aus nach Eisbären Ausschau hält, zwängen sich Gulliksen und ein Kollege am motorlärmerfüllten Fabriksdeck in ihre Trockentauchanzüge. Keine Eisbedeckung und keine Strömung scheinen den Wissenschafter davon abzuhalten, mit seiner Mittelformatkamera an die markierten Stellen zu tauchen und jede Veränderung der dort angesiedelten Organismen zu dokumentieren.

Neben einer Untersuchung der Wachstumsgeschwindigkeit und Besiedlungsmuster benthischer Organismen soll so ein mögliches Eindringen atlantischer Arten in diesen arktischen Lebensraum beobachtet werden. Mit dem an Spitzbergen vorbeiströmenden warmen Wasser des Golfstromes werden die frei schwimmenden Larven benthischer Organismen weit nach Norden getrieben. "Dort", sagt Gulliksen, "können sie wegen der harschen Bedingungen normalerweise nicht sesshaft werden."

Golfstrom stärker

Kommt es allerdings durch globale Erwärmung und ein temporäres Anwachsen des Golfstromes zu milderen Bedingungen, so siedeln sich auch atlantische Arten vermehrt an und können die hochangepassten arktischen zusehends verdrängen.

Tatsächlich deuten erste Ergebnisse darauf hin, dass sich die einst klar erkennbare Trennung der verschiedenen Faunenregionen zusehends verwischt. Zugleich hat eine Erwärmung der Luft- und Wassermassen ein stärkeres Abschmelzen der ins Meer mündenden Gletscher zur Folge. Die daraus resultierende erhöhte Sedimentation und Trübe des Wassers führt in den betroffenen Fjorden zu einer zum Teil drastisch reduzierten Artenvielfalt.

Diesmal ist es wegen starker Stürme nicht möglich, alle markierten Stationen zu betauchen. Doch im Frühjahr wird die Jan Mayen wieder mit vereistem Deck und windverblasenen Eiszapfenvorhängen an Treppen und Geländern durchs Eismeer stampfen, um mit neuen Proben die Folgen des prognostizierten Klimawandels auf arktische Lebensgemeinschaften zu untersuchen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.2.2002)

Von Fanni Aspetsberger (Biologin und Wissenschaftspublizistin in Wien und auf Spitzbergen)
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