"Manche Führer fallen vom Himmel"

5. Februar 2002, 19:19
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Karsai-Kritiker Wakman über Zufälle und politische "Ethnisierung" in Afghanistan

Wien - Für Mohammad Amin Wakman (62) von der Sozialdemokratischen Partei Afghanistans war weder unter den Kommunisten noch unter den Islamisten Platz in seiner Heimat. Die jetzige Lage Afghanistans unter der Interimsregierung von Hamid Karsai sieht der gelernte Journalist, der soeben Exkönig Zahir Shah in Rom besucht hat, im Gespräch mit dem STANDARD ziemlich kritisch. Das Bonner Petersberg-Abkommen werde nicht in letzter Konsequenz eingehalten, beklagt er, es seien noch immer zu viele "Rabbani-Leute" unterwegs. Die ehemalige Nordallianz gebe die Macht nur zögernd ab, und wichtige Posten seien an "schmutzige Leute" gegangen.

Dass die Grenzen fließend sind, haben aber zuletzt die jüngsten Vorfälle in Gardes klar gezeigt. Der zumindest vorübergehend vertriebene Gouverneur Padshah Khan Zadran war zwar von Karsai eingesetzt, umso skandalöser ist es dann aber, dass er als Mann der Regierung nicht gezögert hat, das Zentrum der "rebellischen" Stadt, die ihn nicht wollte, erbarmungslos zusammenschießen zu lassen. Da sind sie wieder, die alten Muster. Seinen Widersacher beschuldigt Zadran der Packelei mit den Taliban, dabei steht dieser ebenfalls der Nordallianz nahe.

Als völlig falsch in der afghanischen Geschichte neueren Datums sieht Wakman die Ethnisierung der Politik, die zum Missbrauch einlade, weil das Kriterium der Qualifikation zugunsten der Stammesangehörigkeit in den Hintergrund gedrängt werde. Dem Interimspremier Karsai steht der Sozialdemokrat höflich skeptisch gegenüber, manche Führer werden gewählt, manche erwählt, und manche fallen einfach vom Himmel, meint er kryptisch. Jedenfalls sei die Berufung Karsais als Paschtunenführer etwas eher Neues, früher war er in erster Linie ein reicher Mann, der in Quetta groß Hof hielt. Dem Versprechen Karsais, keine politischen Ambition für die Zeit nach der Interimsregierung zu haben, steht Wakman positiv gegenüber.

Karsai ist bei weitem nicht bei allen Exilafghanen - also solchen, die nichts mit den Taliban zu tun hatten - unumstritten, wenig überraschend stammen sie eher aus dem linken Lager. Karsai gilt ihnen als den Amerikanern zu offensichtlich ergeben (was seine Haltung zu den afghanischen Häftlingen in Guantanamo zu bestätigen scheint: Er denkt offensichtlich nicht daran, deren Rechte gemäß dem Völkerrecht von den USA einzumahnen). Kritisiert wird außerdem, dass er die US-Führung nicht energischer auffordert, bei ihrem Kampf gegen verbliebene Taliban- und Al-Qa'ida-Kämpfer mehr Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen, die Opferbilanz wird langsam peinlich. Und so mancher Afghane macht sich lustig über das Ethnodress des "bestangezogenen Mannes der Welt", wozu der nicht uneitle Karsai jüngst von Gucci gekürt wurde: Usbeken-Mantel zu westlichem Anzug. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.2.2002)

Von Gudrun Harrer
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