"The Navigators": Die Weichensteller sind am Zug

27. Juli 2004, 17:13
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Ken Loach erzählt in seinem Gruppenporträt ein tragikomisches Stück aktueller britischer Arbeitergeschichte

Wien - Die Geschichte der Britischen Bahn hat (noch) kein Happyend: Vergangenen Oktober wurde der Schienennetzbetreiber Railtrack, mit über fünf Milliarden Euro verschuldet, unter die Kontrolle von Ausgleichsverwaltern gestellt. Die Regierung Major hatte die Privatisierung von British Rail Anfang der 90er-Jahre eingeleitet und das Unternehmen bis 1997 auf mehr als zwanzig Firmen aufgeteilt.

Teile dieser Geschichte werden nun im Kino nacherzählt. Der britische Regisseur Ken Loach, bekannt für seine engagierten Darstellungen des Arbeitslebens (Raining Stones, oder zuletzt: Bread and Roses), hat sie nach dem Drehbuch des ehemaligen Eisenbahners Rob Dawber verfilmt:

Im Mittelpunkt von The Navigators steht eine Gruppe von Gleisarbeitern in South Yorkshire Mitte der 90er-Jahre. Der Umbau ihrer Arbeitswelt beginnt mit einem neuen Firmenschild überm Eingang der Baubaracke. Die äußerliche Veränderung bezeichnet gravierende Umstellungen: Das alte Kollektiv wird in verschiedene (Konkurrenz-) Betriebe aufgespalten, ein Teil der Männer geht auf Abfertigungs- Regelungen ein, den anderen wird irgendwann nur noch der Weg zur Leiharbeits- Agentur bleiben.

Foto: Stadtkino

Die Tatsache, dass die Privatisierung das Bahnfahren für Reisende weder komfortabler noch sicherer gemacht hat, wurde nicht zuletzt infolge von schweren Zugsunglücken heftig diskutiert. Loach wendet auch hier den Blick nach innen und zeigt etwa, wie der Wettbewerb zunächst die Sicherheitsstandards für die Bahnarbeiter aushöhlt: Der Billigstbieter hält seine Kosten auch dadurch niedrig, dass er alleine nach den unmittelbaren Anforderungen des Arbeitsvorgangs kalkuliert - wer sich dagegen wehrt, gilt bei der Agentur bald als schwer vermittelbar.

Neoliberale Wirtschaftspolitik und ihre Folgen gehören nicht eben zu den Spielfilm-Standardthemen. Loach gelingt es, komplexe Vorgänge anschaulich zu machen und Stellung zu beziehen, ohne allzu plakativ zu verkürzen.

Vor allem auch deshalb, weil The Navigators als Ensemblefilm funktioniert: Am Rande streift er etwa die Verpflichtungen einzelner Männer als Familienerhalter.

Foto: Stadtkino

Im Zentrum stehen Veränderungen am Arbeitsplatz und deren Effekte - von der Entmachtung der Gewerkschaften über vermeintliche Äußerlichkeiten wie die neuen, anfangs verspotteten Sprachregelungen (Vorschlag für ein "mission statement": "Mission Impossible!") bis zur "corrosion of character" (Sennett), die in diesem Fall in unterlassener Hilfeleistung gipfelt. Spätestens dann hat sich das durchaus komische Gruppenporträt zum Drama gewandelt.

In Großbritannien kam der Film bisher nicht ins Kino. Dafür wurde The Navigators Ende vergangenen Jahres auf Channel 4 ausgestrahlt, im Anschluss an eine TV-Dokumentation über den schlechten Zustand der Londoner U-Bahn. Der Guardian empfahl diesen instruktiven Fernsehabend damals allen, die wieder mal so richtig in Fahrt kommen wollten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 2. 2002)

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