Erkenntnis durch Lachen

8. Februar 2002, 13:39
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Volksopernchef Dominique Mentha startet am Samstag mit dem "Bettelstudenten"- vier weitere Premieren sollen sein Operettenprojekt voranbringen

Wien - Dass heute keiner mehr Operetten schreibt, kann Dominique Mentha verstehen - "es schreibt ja auch keiner mehr griechische Tragödien", sagt der inszenierende Volksopernchef. "Und wo sie geschrieben werden, heißen sie nicht mehr Operetten. Das Auftragswerk, das der verstorbene Werner Pirchner hätte scheiben sollen, wäre auch keine geworden, aber doch eine Art Nachfolgeprodukt, in dem es auch um das Begreifen der Welt mit den Mitteln des Lachens geht."

Das Musical - und da stimmt Mentha seinem Musikchef Thomas Hengelbrock zu - ist nicht der Nachfolger der Operette. "Es ist ja im Grunde zu wenig ironisch, hat zu wenig Distanz, ist eher eine Weiterführung von Puccini." Schön und interessant sind diese gedanklichen Tänze im Kosmos der Begriffe. Letztlich aber sind sie nicht so bedeutend wie die Tatsache, dass die Volksoper Operette spielen muss und will und dass Mentha mit dem Vorsatz angetreten ist, die alte Dame gerade in Wien zu erneuern.

Dabei geht er in nächster Zeit aufs Ganze. Im Jahr der Euro-Einführung setzt er gleich fünf Operettenpremieren an, unter denen sich mit Die Generalin, Die Piraten von Penzance und drei nicht sonderlich bekannte europäische Werke finden, die ihr Publikum wohl erst finden müssen. "Das ist natürlich nicht risikolos. Unbekannte Stücke sind insofern ein Vorteil, als die Menschen nicht so viele Bilder im Kopf haben, die sie nicht verändern möchten. Wir haben aber die West Side Story und Traviata produziert - quasi auch als Sicherheit."

Die "Europerette" schließt mit der Gräfin Mariza und beginnt an diesem Samstag mit dem Bettelstudenten, den Mentha inszeniert, der dabei gleich seinen Musikdirektor Hengelbrock als Stehgeiger auf die Bühne wuchtet. "Ja, er wird an der einen oder anderen Stelle als Stehgeiger auftreten, da ja auch das Orchester in die Inszenierung eingebunden ist. Das soll kein Gag sein. Das hat mit der ganzen Konzeption zu tun. Wir befinden uns ja in einer Garnisonsstadt, es gibt Platzkonzerte, Militärorchester - manches scheint von Millöcker auch als Konzertarie gedacht gewesen zu sein."

Prinzipiell glaubt Mentha an die Form der Operette und an deren Erneuerung durch die Regie. Wobei: "Ich will für die Volksoper eher Regisseure engagieren, die an die Geschichten und Charaktere glauben, und nicht solche, die mit ihrer Arbeit immer die Form der Operette als solche thematisieren und infrage stellen." Das klingt milde. Ob es substanzvolle Ergebnisse zeitigen wird, die jene von Mentha angepeilte durchschnittliche Auslastung von 80 Prozent ermöglichen, wird sich weisen. Wäre vor allem auch finanziell hilfreich. Ganz "unkriegerisch gemeint glaube ich nach wie vor, dass die Volksoper im Verhältnis zu den anderen Häusern unterdotiert ist. In manchen Bereichen sind wir einfach am untersten Limit."

Dass sein Haus den Rechnungshof zu Besuch hat, findet Mentha übrigens gut. "Ich bin ein Freund des Rechnungshofs, weil es immer Fehlerquellen gibt. Er hat auch schon das eine oder andere genannt, das wir korrigieren werden." Was, das sagt Mentha nicht. Auch, ob es Zufall ist, dass die Volksoper gerade jetzt geprüft wird, kann er nicht beurteilen. "Das ist schwer zu sagen. Wir sind offenbar aber das am längsten nicht geprüfte Haus."

Das Verhältnis zu Staatsoperndirektor Ioan Holender sei übrigens nach dem sommerlichen Zwist "zurzeit sehr gut. Der Sängeraustausch funktioniert, grundlegende Personalfragen sind gelöst, wir telefonieren. Er hat sich hier auch einige Sänger angehört, hat mir auch Vorschläge bezüglich seiner jüngeren Ensemblemitglieder gemacht."

Der lange Atem

Und die Bregenzer Festspiele? Sie hätten bei ihm nicht angefragt. "Ich habe mich auch nicht beworben, ich bin kein Jobhopper. Ich will ja hier etwas verändern, und dazu braucht man einen langen Atem, den ich auch habe. Es wäre klug für mich und für die Volksoper, wenn das fortgesetzt würde. Das Haus braucht Kontinuität, es hat in den letzten Jahren doch zu viele Direktoren gehabt."

Dass sich Leute wie der Kärntner Intendant Dietmar Pflegerl schon öffentlich für seinen Job interessieren - Menthas Vertag geht bis 2005 -, das tangiere ihn nicht sonderlich: "Da empfinde ich nichts. Mir hat man immer gesagt, man soll in Wien, wenn man etwas werden will, unter allen Umständen dafür sorgen, dass man nicht genannt wird. Ich habe das übrigens so gehalten."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 2. 2002)

Von
Ljubisa Tosic

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