Eine Karriere wie aus dem billigen Heft

5. Februar 2002, 20:08
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Der Amerikaner Edward Eagan ist der einzige Sportler, der sowohl im Winter als auch im Sommer Olympiasieger wurde: beim Boxen und im Bob

Wien/Köln - Frank Meriwell war sein Jugendheld. Die Hauptfigur eines Groschenromans - ein Genre, das die Amerikaner abschätzig "dime novel" nennen. Frank predigte Askese, rauchte nicht, trank keinen Alkohol und war ein großer Sportler. Edward Eagan, genannt Eddie, verschlang als Zwölfjähriger die billigen Hefte und erkor die Kunstfigur zu seinem Idol. Dass sein Leben so verlaufen würde, konnte der Bub nicht wissen. Zwei Jahrzehnte später ging Eddie Eagan in die olympische Geschichte ein. Nachdem er bei den Sommerspielen 1920 Olympiasieger geworden war, schaffte er 1932 auch Gold im Winter. In Antwerpen hatte Eagan das Halbschwergewicht im Boxen gewonnen, in Lake Placid saß er im siegreichen Viererbob der Gastgeber.

Ehrgeiz

Eagans Biografie ist die eines typisch amerikanischen Selfmademan. Ein Jahr nach seiner Geburt am 26. April 1897 in Denver starb sein Vater bei einem Eisenbahnunglück, und so zog die aus dem Elsass stammende Mutter ihre fünf Söhne alleine auf. Übersiedelt in die Kleinstadt North Longmont, sorgte Eddie bereits in der Highschool für sich selbst, er trug Zeitungen aus, half in einer Telefongesellschaft mit. Und boxte.

Eagan durfte sogar gegen den noch jungen Jack Dempsey antreten, der bereits als "kommender Weltmeister" promoted wurde. Genauso ehrgeizig feilte er an einer akademischen Karriere und bekam das ersehnte Universitätsstipendium. Der Erste Weltkrieg unterbrach das juristische Studium, Eagan ging als Artillerieleutnant nach Paris, wo er zu Bürodiensten eingesetzt wurde. Als dort 1919 die "Inter-Allied Games" ausgetragen wurden, errang der Halbschwergewichtler Eagan seinen ersten internationalen Sieg.

Als sein Kommandeur ihm etwas Gutes tun wollte, erbat er den Zugang zur Unterzeichnung des Friedensvertrags, die ein paar Tage später im Spiegelsaal von Versailles stattfinden sollte.

Ein Jahr später, mittlerweile an der berühmten Universität von Yale eingeschrieben, kämpfte sich Eagan in Antwerpen zum Olympiasieg. Aber auch danach erlag er nicht den lauten Sirenen des Profiboxens, nach Studien in Yale und Harvard setzte er seine Ausbildung in Oxford fort. Dort schloss er Freundschaft mit dem Lord of Clydes- dale, einem Boxer aus der Universitätsstaffel, der - als Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess ihn mit seinem Englandflug zu einem Waffenstillstand zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich bewegen wollte - im Zweiten Weltkrieg als Duke of Hamilton bekannt wurde.

Die beiden reisten um und boxten sich durch die Welt, kämpften gegen lokale Champions. In Kairo, Hongkong, Sydney oder Buenos Aires. Nach dem zweiten Jus-Abschluss heiratete Eagan Margaret Colgate, die reiche Erbin des Konzerns Colgate-Palmolive. Und gab das Boxen auf.

Freier Platz

Von Ambitionen im Wintersport war nie die Rede, es hat sich so ergeben. Ein Platz im Bob war halt frei. Und so gehörte Eagan jener Besatzung im Viererbob an, die am 15. Februar 1932 in vier Schussfahrten die Goldmedaille holte. Dass sich das Team einen erlaubten Vorteil verschaffte, indem es die Kufen mit einer Lötflamme erwärmte, wird Fußnote bleiben. Eagan starb am 14. Juni 1967. Als erfolgreicher Anwalt. Durfte Frank Meriwell jemals eine ähnliche Geschichte erleben? (egg)

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 5.2. 2002)
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