Italiens Linke zerstritten wie noch nie

6. Februar 2002, 10:15
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Intellektuelle fordern Ulivo-Führung zum Rücktritt auf - Prodi als letzte Hoffnung

Eigentlich ist Silvio Berlusconi angeschlagen: Selbst die optimistischsten Umfragewerte geben der italienischen Regierung zurzeit nur noch eine Zustimmung von 55 Prozent. Die Umsetzung seines Programms lahmt; das als große Arbeitsbeschaffungsmaßnahme geplante Bauprogramm wurde noch nicht einmal begonnen. Die Streiks gegen die Reform des Arbeitsrechtes haben diese Woche einen neuen Höhepunkt erreicht. Auch seine Justizprobleme konnte der Premier trotz schnell verabschiedeter Gesetze kaum mildern.

Allein: Die Mitte-links-Opposition kann kein Kapital daraus schlagen. Dem zerstrittenen Ulivo-Bündnis gelang es bisher nicht, sich auf eine gemeinsame Oppositionspolitik zu einigen. Francesco Rutelli wurde nur bis Herbst als Oppositionschef bestätigt, dann sollten die Karten innerhalb des Ulivo schon wieder neu gemischt werden. Die Befugnisse Rutellis wurden drastisch eingeschränkt, ein Direktorium - gebildet aus den Führern aller Bündnisparteien - wird ihn künftig als Oppositionschef "unterstützen".

Gegen diese "unglaubliche Streitsucht und Untätigkeit" der Opposition proben Italiens Intellektuelle jetzt den Aufstand. Angeführt von Vorzeigeregisseur Nanni Moretti, riefen sie offen zur Absetzung der Ulivo-Führungsschicht auf. Die Parteibonzen der Linken hätten verlernt, mit den Menschen zu reden. Rutelli, D'Alema und die gesamte Linksschickeria sollten Platz machen für Menschen, die seriös arbeiten können, rief Moretti unter Beifall Dutzender bekannter Intellektueller bei einer Kundgebung in Rom.

Als letzter Hoffnungsschimmer erscheint vielen im Ulivo Romano Prodi. Die Menschen an der Basis glauben, erst wenn Prodi in gut zwei Jahren aus Brüssel zurückkehrt, könne die Opposition geeinigt werden. Nur ihm wird ein Sieg über den übermächtigen Medienunternehmer Berlusconi zugetraut.

Auch das Mitte-rechts-Bündnis scheint Prodi als Einzigen zu fürchten. Berlusconis Regierungszeitung Il Giornale kommentierte auch zynisch, hinter der Krise des Ulivo stecke wohl niemand anderer als der große Alte aus Brüssel, der geschickt eine Lösung der Krise in der Opposition verhindere - bis er zurückkehrt.

(DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2002)
STANDARD-Korrespondent Andreas Feichter aus Rom
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