"Hofnarr" bringt Chirac in neue Not

6. Februar 2002, 10:02
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Ex-Parteikollege Didier Schuller kehrt nach Frankreich zurück - Im Gepäck könnte er brisante Informationen haben

Die französischen Präsidentschaftswahlen vom April 2002 gleichen denjenigen von 1995. Damals kandierte ein gewisser Jacques Chirac, und auch damals zirkulierten Meldungen über einen enormen Korruptionsskandal um Pariser Sozialwohnungen. Baufirmen hatten führende Parteikader der Gaullistenpartei RPR mit Millionen und Abermillionen "geschmiert", um zu Aufträgen zu kommen. Einige Indizien wiesen direkt ins Pariser Rathaus, wo RPR-Chef Chirac als Bürgermeister waltete.

Brennpunkt Zigarrenkiste

Ein Mann hätte den Ermittlern Auskunft geben können: der RPR-Lokalabgeordnete Didier Schuller, Vorsteher des Sozialbauamtes (HLM) im Pariser Vorortsdépartement Hauts-de-Seine. Doch diese zentrale Figur des Korruptionsskandals packte nicht aus. Vielmehr wurde Schuller im Pariser Flughafen Roissy auf frischer Tat ertappt, als er einem Verwandten des bekannten Ermittlungsrichters Eric Halphen eine Zigarrenkiste (Inhalt: eine Million Francs/ 153.000 Euro/2,1 Mio. S) überreichen wollte, um Halphen zum Schweigen zu bringen.

Besagter Richter ordnete daraufhin eine Hausdurchsuchung bei Schuller an. Dieser flüchtete indes im Februar 1995 - also wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen, während Chiracs Wahlchancen ständig stiegen - ins Ausland. Wie ihm das gelang, ist bis heute unklar. Es erging noch ein Haftbefehl, doch Interpol verlor Schullers Spur bald auf den Bahamas.

U-Haft nach Rückkehr

Sieben Jahre danach steht eine neue Präsidentschaftswahl auf dem Programm. Und mit ihr die "Affäre Schuller". Aus der Dominikanischen Republik kommend, traf Didier Schuller am Dienstag in Paris ein, wo er sofort in Untersuchungshaft genommen wurde. Der 26-jährige Sohn des Justizflüchtlings hatte vor wenigen Tagen einem Pariser Blatt verraten, wo sich sein Vater aufhielt. Dieser lebe "wie ein Pascha zwischen seiner Milliardärsresidenz am Meer und seiner 200-Quadratmeter- Wohnung" in der dominikanischen Hauptstadt, berichtete Schuller junior, der sich bitter über das unmoralische Geschäfts- und Politgebaren seines Papas beklagt. Er nannte gleich auch die Adresse: die Luxusvilla Sea Horse Ranch.

Dubiose Psychologen?

In Paris war sofort der Teufel los, und die Journalisten gingen der Sache des "Vatermordes" nach: Das labile Söhnchen Schuller steht unter dem Einfluss eines dubiosen Psychologen, eines Rechtsanwaltes für verfolgte Sekten sowie der bekannten Filmschauspielerin Marie Laforêt. Diese verteidigt ihn in den Medien als Opfer dunkler Mächte.

Das französische Außenministerium schickte daraufhin ein offizielles Auslieferungsgesuch nach Santo Domingo, wo Schuller der Zeitung Le Monde gleichentags erklärte, er wünsche ohnehin in sein Heimatland zurückzukehren. "Dort werden ein paar Leute entzückt sein, mich wiederzusehen", meinte der Bonvivant in seiner jovialen Art, wobei er nicht Chirac direkt, aber dessen frühere Parteigenossen Charles Pasqua und Edouard Balladur anschwärzte. Die beiden hochrangigen Gaullisten konterten, Schuller sei ein bloßer "Hofnarr". Dieser replizierte via Pariser Presse: "Aber ein Hofnarr sagt stets die Wahrheit. Ich habe lange genug den Kopf für andere hingehalten, ich will jetzt alles erklären."

"Schmutzkampagne"

Die gaullistische Parteiführung schimpfte am Wochenende, als sie ihr Wahlprogramm verabschiedete, über die politische "Schmutzkampagne", hinter der die Sozialisten stünden. Chirac ist zwar, seitdem ihn das Verfassungsgericht gegen jede Ermittlung gefeit hat, juristisch "unberührbar". Aber nicht politisch. Der amtierende Staatschef erwägt deshalb nach Pressemeldungen, die Ankündigung seiner Wiederkandidatur aufzuschieben. Ursprünglich hatte er Anfang März in den Ring steigen wollen. Auf dieses Datum hin will der Richter Halphen allerdings in einem Buch über die langjährigen Druckversuche des RPR auspacken. Schullers Rückkehr verleiht diesem Ereignis nun zusätzlichen Zündstoff.

Und wenn Schuller vor den Wahlen wirklich zurückkehrt, droht der Pariser Korruptionsskandal ganz zu explodieren. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 6.2.2002)

STANDARD- Korrespondent Stefan Brändle aus Paris
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