Rot-weiß-rotes Mascherl für den Strom

6. Februar 2002, 15:12
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Verbund hält an Wasserkraftehe mit dem E.ON-Konzern fest - Niederösterreich will diese verhindern und doch noch "österreichische Stromlösung" schaffen

Um die Zukunft der österreichischen Energiewirtschaft gibt es derzeit hinter den Kulissen massive Grabenkämpfe. Der Verbund hält nach wie vor an der Wasserkraftehe mit dem deutschen Atomstromkonzern E.ON fest, hält sich zugleich die Hintertür für eine große österreichische Lösung offen. Beide Varianten schließen einander nicht aus, wird vom Konzern argumentiert.

Niederösterreichs Finanzlandesrat Wolfgang Sobotka wiederum hat am Dienstag angekündigt, bei der Verbund- Hauptversammlung am 19. März gegen den E.ON-Deal stimmen zu wollen. Er deutete an, dass das Syndikat aus EVN, WienStrom und Tiwag, das 27 Prozent am Verbund hält, Nein sagen wird. Beim Verbund beruft man sich auf Rechtsgutachten, dass die Ehe mit den Deutschen nicht durch die Hauptversammlung abgesegnet werden muss.

Ungeachtet dessen sprechen viele Indizien dafür, dass die Würfel für eine große österreichische Energielösung gefallen sind. Auslöser: Der Schwenk von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Nun muss die heimische Strombranche, die sich bisher oft durch Hahnenkämpfe hervorgetan hatte, gemeinsam in die Hände spucken, um eine Lösung mit einem rot-weiß-roten Mascherl schnüren zu können.

Nur wenige Wochen

Beim Verhandeln müssten die beide ehemaligen Kontrahenten, Verbundgesellschaft und Energie Allianz (EVN, Wienergie, Energie AG Oberösterreich, Linz AG sowie die burgenländische Bewag/Be- gas) nun Vollgas geben. Ziel dürfte dabei sein, die Grundlagen des Deals bis zur Verbund-Hauptversammlung am 19. März unter Dach und Fach zu haben. Damit sich das ausgeht, muss die große österreichische Lösung in Grundzügen in knapp drei Wochen stehen. Das klingt zwar nach einem sehr ehrgeizigen Plan, allerdings müssen die Verhandler beider Seiten nicht bei null beginnen. Verbund und Allianz sprechen schon seit Anfang Dezember, also noch bevor Schüssel seinen Einwand gegen die Ehe öffentlich machte.

Herzstück der rot-weiß-roten Lösung soll eine gemeinsame Handelsgesellschaft sein, in die der Verbund seine Tochter Austrian Power Trading (APT) und die Energie Allianz ihre Trading-Tochter e&t einbringen werden. Die Mehrheit soll der Verbund an der gemeinsamen Firma halten. Zusammen sollen laut Insidern auch das Geschäft mit den Großkunden abgewickelt werden. Für die Kleinkunden sollen die bestehenden Strukturen (Energie Allianz plus Diskontmarke switch sowie die Verbund-Verkaufstöchter Raiffeisen Ware Wasserkraft und My Electric) bestehen bleiben. Auch andere Bundesländer sollen dazustoßen können. Fraglich ist aber, ob die steirische Estag und die Kärntner Kelag mitmachen können oder wollen. In Graz hält die Electricité de France die Sperrminorität, in Klagenfurt hat RWE (größter deutscher Atomstomstromerzeuger) die Hand am Steuer.

Altes Modell

Das Modell, das seit der Vorweihnachtszeit verhandelt wird, entspricht grosso modo jenem, das bereits im Jahr 1999 auf den Tisch gelegen war. Seit damals hat sich aber die kleine heimische Energiewelt völlig verändert. Seit Oktober ist der Markt zu 100 Prozent liberalisiert, auch die Kleinkunden haben beim Strom die Qual der Wahl. Auch der Verbund hat die neuen Chancen sehr gut genutzt und hat besonders im Ausland zahlreiche größere Kunden wie Stadtwerke gewinnen können. Weil Strom aus Wasserkraft so ein Renner ist, wird dem Verbund laut Unternehmenskennern in den kommenden Jahren so viel Geld in die Kassen fließen, dass die Eigenmittelausstattung einen großen Sprung vorwärts machen wird.

In Österreich werden pro Jahr abhängig von der Wasserführung rund 40.000 Gigawattstunden (GWh) Strom aus Wasserkraft erzeugt. Davon stammen 26.000 GWh aus den Verbund-Kraftwerken. Neben Laufkraftwerken an Donau, Salzach, Inn, Enns, Mur sowie der Drau besitzt der Konzern die Speicherkraftwerke in den Alpen, am bekanntesten sind Kaprun und Maltatal.

Mit der jährlichen Stromproduktion aus Wasser liegt Österreich im europäischen Vergleich an zweiter Stelle, nur die Electricité de France hat noch eine größere Erzeugungskapazität. (Clemens Rosenkranz, DER STANDARD, Printausgabe 6.2.2002)

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