Die Vertreibung der Geschichte

4. Februar 2002, 20:24
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Tschechien, Österreich und das Schicksal der Sudetendeutschen: Bloß Reizwortmaterial für Wahlkämpfer? - ein Kommentar der Anderen

Das Ausstiegsszenario ist gescheitert. Temelín heißt jetzt Benes, und der Krieg der Worte zwischen Wien und Prag geht weiter. Mit Protestnoten aller Art erweckt die Diplomatie den Eindruck, als sei das Tauwetter nach 1989 nur eine Episode in einer sorgfältig kultivierten "Erbfeindschaft" zwischen Wien und Prag gewesen.

Dabei gäbe es so viele historische Gemeinsamkeiten, an die man anknüpfen könnte: die Frage der Beurteilung der Sudetendeutschen etwa. 1945 war man sich da noch durchaus einig. "Es waren Leute, die Ihnen immer Schwierigkeiten bereitet haben. Ich versichere Ihnen, dass ich und unsere gesamte Regierung dieses Problem in gleicher Weise beurteilen", schrieb der damalige Außenminister Gruber an seinen tschechoslowakischen Kollegen.

Die österreichische Regierung tat alles, um die aus der Tschechoslowakei Ausgesiedelten so rasch wie möglich in Richtung Deutschland loszuwerden und damit lästige Stolpersteine im Prozess der Annäherung zweier "Siegerstaaten" zu beseitigen. Diejenigen, die trotzdem bleiben konnten, wurden jahrzehntelang in der Bewältigung ihres Traumas alleine gelassen.

Mediale Mythenbildung

Das Resultat war bei der Mehrheit der Vertriebenen eine bis zur Selbstverleugnung gehende Assimilierung in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft und eine im Getto tradierte Opferrolle bei einer aktiven Minderheit, die in der politischen Symbolik und in den Geschichtsbildern dort weitermachte, wo man 1945 aufgehört hatte. In ihrer auf das Nationale fixierten Sicht der Dinge treffen sich die Vertriebenenfunktionäre heute nur noch mit ihren Kontrahenten in Prag. Was hierzulande Marginalisierung und Gettoisierung bewirkten, konservierte dort 40 Jahre totalitärer Geschichtsschreibung.

Die Ratlosigkeit der österreichischen Öffentlichkeit im Umgang mit dem Thema schlägt sich dann in den medialen Kommentaren wieder, die - oft in ein und demselben Absatz - Versatzstücke der sudetendeutschen und tschechischen Geschichtsstilisierung vermengen und das Resultat dieser Mixtur dann als objektive Darstellung präsentieren. Eine Annäherung an die historische Wahrheit liegt aber nicht in der Mitte, sondern jenseits der Mythen.

Die "Benes-Dekrete" genannten Dekrete des Präsidenten der Republik waren keine isolierten Einzelaktionen eines personifizierten Bösen, sondern wurden nachträglich von der Prager Nationalversammlung bestätigt und spiegeln den Common Sense der tschechischen Gesellschaft 1945 wider.

Sie können nicht isoliert von der Naziherrschaft gesehen werden, waren aber doch viel mehr als (kollektive) Schuldzuweisungen an Deutsche (und Ungarn).

Eigentlich hätte auch Milos Zeman wissen müssen, dass seine Qualifizierung der Vertreibungspolitik als - im Vergleich zur Todesstrafe - "mildes Urteil" vor allem deswegen ins Leere geht, weil die Deutschen, die sich im Zuge der Naziherrschaft an Straftaten beteiligt hatten, nach 1945 durchaus von tschechoslowakischen Gerichten zur Verantwortung gezogen und in nicht wenigen Fällen auch zum Tod verurteilt wurden.

Was die übrigen Deutschen betraf, bediente sich die tschechoslowakische Führung eines juristischen Tricks, indem sie 1945 die "Vorschriften einer fremden Besatzungsmacht" (und damit das Münchner "Abkommen") in Bezug auf die Zuerkennung der deutschen Staatsbürgerschaft von 1938 als weiterhin wirksam anerkannte und diese dann als unerwünschte Ausländer auswies. Für deutsche "Antifaschisten" galt die Beweislastumkehr, und wirklich interessiert war man auch nicht am Verbleib der deutschen Juden, die den Holocaust überlebt hatten (vgl. Stephan Templs Kommentar "Restitution auf Böhmisch", STANDARD, 2. 2.). Die Mehrzahl der antideutschen Massaker waren gut geplante Kommandoaktionen und keine spontanen Racheakte, um das Land noch vor einer Entscheidung der Alliierten frei von den Deutschen zu machen.

Nationale Borniertheit

Die Aussiedelung war eben auch das letzte Kapitel im Kampf zweier Volksgruppen, der seine Wurzeln im 19. Jahrhundert hat. Böhmen war damals zum Laboratorium eines Nationalismus geworden, der das Land in zwei nationale Gesellschaften, die einander nichts mehr zu sagen hatten, spaltete. Und dies nicht nur, weil sich die Deutschen in Böhmen aus Überlegenheitsgefühlen heraus beharrlich weigerten, Tschechisch zu lernen. Es war auch die nationale Borniertheit ihrer Eliten und das Schielen ins Deutsche Reich, die dazu führten, dass sie von den Tschechen immer weniger als gleichwertige Mitbewohner eines Landes und immer mehr als Vorposten eines übermächtigen "Deutschtums" wahrgenommen wurden.

Der größte Fehler des 1918 entstandenen tschechoslowakischen Staates war es dann, die drei Millionen Deutschen nicht auch geistig wieder heim nach Böhmen zu holen, sondern ihre Rolle auf die einer (mit allerdings durchaus großzügigen Rechten ausgestatteten) Minderheit zu reduzieren. Indirekt machte man sich damit zum Geburtshelfer einer sudetendeutschen Identität, die es vorher in dieser Form nie gegeben hatte.

Warten worauf?

Nach dem von Deutschland - mit Zustimmung der Westmächte - erzwungenen Münchner "Abkommen" brach die tschechische Demokratie 1938 wie ein Kartenhaus zusammen. Staatspräsident Benes weigerte sich, der hochgerüsteten und kampfbereiten Armee den Einsatzbefehl zu geben. Der Reststaat wurde zu einem halbautoritären Regime, das sich nichts anders wünschte, als neben Nazi-Deutschland existieren zu können, antijüdische Gesetze erließ und sudetendeutsche Regimegegner ins Reich zurückschickte, bis Benes-Nachfolger Hacha schließlich im März 1939 in Berlin unter starkem Druck die totale Kapitulation unterschrieb und um den "Schutz" des Deutschen Reiches ersuchte.

Historisch weitgehend unaufgearbeitet ist bis heute die Rolle der Sudetendeutschen im Besatzungsapparat des "Protektorats Böhmen und Mähren" sowie das weitgehend reibungslose Funktionieren der tschechischen (Rüstungs-)Arbeiterschaft im Dienst der deutschen Kriegsmaschinerie.

Kratzt man am Geschichtsbild, so reagieren die Repräsentanten von Tschechen und Sudetendeutschen noch immer (mit wenigen Ausnahmen) mit dem Ruf nach nationalen Schulterschlüssen und Argumenten, die aus dem reichen Fundus ihres selbstmörderischen Kampfes im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert stammen. Dies ist angesichts der Entwicklung zwar verständlich, eine kritische Öffentlichkeit sollte sich daran aber eigentlich nicht mehr beteiligen.

Das Einzige, was den Prager Parteichefs zur Debatte am Wochenende einfiel, war der Verweis auf Wahlkämpfe in Österreich (welche?) und die einmütig vorgetragene Beteuerung, sich nie und nimmer mit den Nachkriegsereignissen auch nur beschäftigen zu wollen.

Vielleicht wäre aber genau das der erste Schritt hin zu einer Lösung. Man sollte sich nicht gerade bei der Wartezeit auf die historische Aufarbeitung der Vergangenheit Österreich als Vorbild nehmen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 2. 2002)

Aufzeichnungen eines Historikers unter dem Eindruck einer Reise nach Prag.

Niklas Perzi ist Historiker und Leiter der Waldviertel-Akademie in Dobersdorf/NÖ.
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