Magersüchtige Skispringer

4. Februar 2002, 19:47
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"Anorexia athletica": Abspecken bis zur gesundheitsgefährdenden Grenze - IOC führt Fett-Screening durch

Graz - Damit es in Zukunft schwerere Skispringer eventuell leichter haben, nimmt eine Gruppe von Grazer Wissenschaftlern im Zuge der kommenden Olympischen Spiele im Auftrag des IOC den Körperfetthaushalt der olympischen Skispringer genau unter die Lupe. Unter der Leitung von Karl Sudi (Inst. für Sportwissenschaften) und Wolfram Müller (Inst. für Medizinische Physik und Biophysik) soll in der IOC-Studie vor Ort untersucht werden, ob extrem leichtgewichtige Spitzensportler tatsächlich mehr Chancen auf einen Platz "am Stockerl" haben als ihre etwas schwereren Kollegen.

Hoffen auf Wandel

Auf Grund der vor Ort durchgeführten Studie könnte es zu einem Einstellungswandel unter den Sportlern kommen. Wenn nämlich für "Fliegengewichte" keine Vorteile bestehen, wird damit auch das Risiko einer Anorexia athletica - das Phänomen der Magersucht bei Sportlern - gemindert, hofft das Forscherteam aus Graz. Im Glauben, dass niedriges Gewicht zusätzliche Meter bringt, speckten laut Sudi manche Sportler nämlich aus Sicht der Mediziner schon bis zur gesundheitsgefährdenden Grenze ab.

"Das Material der Ausrüstung ist am Leistungslimit, also mobilisiert der Sportler mit seinem Körper weitere Reserven. Und speckt ab", so Karl Sudi. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe diese Entwicklung immer stärker zugenommen - und das nicht nur beim Skispringen, sondern auch beim Klettern, Eiskunstlauf, Radfahren oder der rhythmischen Sportgymnastik.

Im Problembereich

Zwischen fünf und zehn Prozent der Weltklassespringer liegen bereits im problematischen Gewichtsbereich. Bei einer Körpergröße von 1,80 Meter wiegen einige gerade etwas mehr als 60 Kilogramm. Der Grazer Sportwissenschaftler Karl Sudi, der schon über 100 Athleten seit mehreren Jahren anthropometrisch exakt nachmisst, kennt viele von ihnen auf Millimeter und Gramm genau.

In Salt Lake City will man in den nächsten Wochen die Springer einer freiwilligen Untersuchung unterziehen. Aus dieser "soliden Ist-Zustandserhebung der Athletenkörper", die sowohl das Körpergewicht als auch den Körperbau und die damit einhergehenden biomechanischen Phänomene sowie das Fettprofil der Sportler festhält, soll letztlich hervorgehen, "welche Parameter wirklich für die Spitzenleistungen ausschlaggebend sind", so Sudi. Das Fettprofil der Sportler wird mit dem so genannten Lipometer erhoben. Diese Erfindung aus dem Medizinisch-Chemischen Institut der Universität Graz kann schmerzfrei die Fettschicht an 15 Stellen des menschlichen Körpers bestimmen und im Anschluss eine subkutane Fett-Topographie - sozusagen eine "Fettlandkarte" des jeweiligen Körpers - erstellen.

Werte

Während normalgewichtige Durchschnittsbürger Fettprofile im Bereich zwischen 20 und zehn Millimeter aufweisen, bringen es Extremsportler oft gerade auf die Hälfte und darunter. 2,5 Kilogramm beträgt das durchschnittliche Gewicht des Gesamtkörperfetts der Weitenjäger. Schon bisherige Erhebungen hätten auf alle Fälle ergeben: "Die Leichtesten sind nicht unbedingt die Besten", betont Sudi. (APA)

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