Das Schulwesen ist stecken geblieben

5. Februar 2002, 15:32
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Uniprofessor Wagner im STANDARD-Gespräch: Viel Anpassung, wenig Begabtenförderung, keine Chancengleichheit

Wien - Das Schulwesen stecke immer noch im Industriezeitalter des auslaufenden 18. Jahrhunderts. Das kritisiert Manfred Wagner, Professor an der Wiener Uni für angewandte Kunst im Standard-Gespräch. "Man lernt sich anzupassen und Wissen zu reproduzieren." Doch im Informationszeitalter gehe es darum, Wissen einzusetzen, um Probleme neu anzugehen. Und wer schon in der Schule lerne, sich rhetorisch gut darzustellen, erspare sich später im Beruf ein Coaching durch externe Profis. Amerikanische Schulen seien darin vorbildlich, findet Wagner.

Früher Schule

Der Leiter der Lehrkanzel für Kultur- und Geistesgeschichte vermisst eine schulpolitische Diskussion in Österreich. Wobei er selbst radikale Reformen vorschlägt: Schule sollte schon viel früher beginnen. Im Kindergarten müssten zwar nicht Buchstaben gepaukt, aber das Musisch-Kreative mehr als bisher gefördert werden. In spanischen Museen säßen schon Dreijährige vor Bildern und diskutierten über Kunst.

Wagner plädiert überdies für eine ganztägige Gesamtschule mit innerer Differenzierung. Selbst "dreißig Jahre Sozialismus" hätten keine Chancengleichheit erbracht. Dafür, dass 100 Prozent der Hietzinger Kinder, aber nur ein Drittel der Zwettler nach der Volksschule in ein Gymnasium wechseln, gebe es keine logische Erklärung.

Ab dem 14. Lebensjahr müsste der Unterricht in ein Kurssystem übergehen. Dabei sollte man sich mehr auf Begabungen konzentrieren können. Die Klassengrenzen wären damit aufgelöst, was Wagner nicht stört: In einer Klasse orientiere man sich ohnehin nur am Durchschnitt.

Denn der Begriff Elite sei in Österreich zwar beim Sport positiv, in der Bildung jedoch negativ besetzt. Breitenförderung sowie Begabungen erkennen und trainieren - das seien die Voraussetzungen dafür.

Künstlerisch Begabte "deppert"?

Wobei Wagner noch immer daran kaut, 1999 während der Rektorswahl an der Angewandten als einer der drei Kandidaten über seine eigene Wortwahl gestolpert zu sein: Damals hatte er von "genetisch gut ausgestatteten Studenten" gesprochen, was - aus dem Zusammenhang gerissen - einen Proteststurm erzeugte, der ihn aus dem Rennen warf. Er habe damit individuell unterschiedliche Talente gemeint, die möglichst früh gefördert werden sollten. Außerdem sei im Forschungsfonds, dem er angehöre, so oft von "Genetik" gesprochen worden, dass dieser Ausdruck für ihn nicht negativ besetzt sei. Im heimischen Schulwesen würden hingegen alle über einen Kamm geschoren und etwa künstlerisch Begabte oft einfach nur für "deppert" gehalten.

Den Bildungskanon findet Wagner in Ordnung, jedoch sollten die Fächergrenzen weniger starr sein. Schule solle nicht nur Bildung, sondern auch "Haltung" vermitteln. Das sei für die Gesellschaft von eminenter Bedeutung.

Wichtig ist Wagner dabei eine sorgfältige Auswahl der Lehrer. Auf ihre Persönlichkeit komme es an, weniger auf "Tricks", aus Pädagogik-Vorlesungen. Nur wer ein kommunikationsfreudiger Typ sei und Kinder liebe, sollte diesen Beruf ergreifen. Wobei Lehrer seiner Meinung nach kein "lebenslanger Job" sein sollte. Ob sich das als pragmatisierter Hochschulprofessor nicht leicht sagen lasse? "Ich war immer für den Professor auf Zeit", kontert Wagner. (DerStandard,Print-Ausgabe,5.2.2002)

von Martina Salomon
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