Im nuklearen Dilemma

4. Februar 2002, 19:51
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von Josef Kirchengast

Für eine rationale Debatte über die Zukunft der Atomenergie in Europa liefert - abseits des emotionalisierten Streits um Temelín - das EU-Mitglied Finnland gutes Basismaterial. Dessen Regierung hat soeben den Bau eines fünften Kernkraftwerks beschlossen, der allerdings noch vom Parlament genehmigt werden muss. Der Ausgang der Abstimmung, für die der Fraktionszwang aufgehoben wurde, ist ebenso ungewiss wie die Bevölkerung in der Frage gespalten: Umfragen zeigen bisher wechselnde Mehrheiten für und gegen den AKW-Bau.

Finnlands Präsidentin Tarja Halonen, die am Donnerstag nach Österreich kommt, steht der Atomkraft persönlich sehr skeptisch gegenüber. In der ersten Parlamentsabstimmung über das AKW-Projekt im Jahr 1993 stimmte sie dagegen. Heute plädiert Halonen, durchaus im Sinn der Wiener Linie, für EU-einheitliche Sicherheitsstandards und strenge Kontrollen. Zugleich macht sie aber klar, dass kein Land das Recht habe, einem anderen dessen Energieträger vorzuschreiben.

In Finnland beträgt der Anteil des Atomstroms an der gesamten Energieerzeugung mehr als 27 Prozent, das ist einer der höchsten Europas. Gleichzeitig steht Finnland beim Anteil erneuerbarer Energie (Wasser, Wind, Sonne, Biomasse etc.) hinter Schweden und Österreich an dritter Stelle. Auch das illustriert die Zwiespältigkeit der Situation.

Da die Ausbaumöglichkeiten bei Alternativenergien kurz- bis mittelfristig beschränkt sind, vor allem aber wegen der hohen Abhängigkeit von Importstrom insbesondere aus Russland, setzt die finnische Regierung nun erneut auf Kernenergie. Ob sie damit durchkommt, ist fraglich. Die Haltung der Präsidentin spiegelt jedenfalls das energiepolitische Dilemma des Landes wider. Sie zeigt aber auch, dass das Projekt EU-verbindlicher AKW-Sicherheitsnormen seine Chancen hat - wenn es nüchtern und mit langem Atem vorangetrieben wird. (DerStandard,Print-Ausgabe,5.2.2002)

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