Schrecken der Fitness, nicht des Krieges

11. Juni 2002, 21:25
posten

Die Burginszenierung der "Jungfrau von Orléans" zeigt kein erkennbares Interesse an Stoff oder Form dieser "romantischen Tragödie".

Ein zweites Mal in dieser Spielzeit besinnt sich das Burgtheater auf den späten Schiller: Karin Beier inszeniert "Die Jungfrau von Orléans" und zeigt kein erkennbares Interesse an Stoff oder Form dieser "romantischen Tragödie".

Von Cornelia Niedermeier


Wien - Genau drei Monate sind vergangen, seit sich der eiserne Vorhang des Burgtheaters zu einer anderen Schiller-Premiere hob: Andrea Breth hatte "Maria Stuart" inszeniert, und die Arbeit, eine ihrer präzisesten seit langem, war in ihrem gestischen Minimalismus, in der ernsthaften Konzentration auf das Schillersche Wort zu lesen als entschiedene Antwort auf flapsig-undurchdachte Denunziationen des Autors als pathetischen Blankvers-Klapperer. Andrea Breth beantwortete die Frage, ob Schiller heute noch einen Platz auf der Bühne habe, mit einem deutlichen Ja.

Foto: APA/Roland Schlager
Die Entdeckung des Schwerts als Sportgerät zum
Muskelaufbau: Karoline Eichhorn als Friedrich Schillers
"Jungfrau von Orléans".

Dennoch: Angesichts des ästhetischen Rückzugs in die Sicherheit eines traditionalistisch-konservativen Spiels hätte man sich an ihre Seite eine ebenso klar formulierte, klug durchdachte innovative Inszenierung eines Regisseurs der jüngeren Generation gewünscht. Nun setzte die Intendanz des Burgtheaters prompt ein weiteres Spätwerk des Klassikers auf den Spielplan: "Die Jungfrau von Orléans", entstanden unmittelbar nach "Maria Stuart". Ein weiteres "Frauen"-Drama, inszeniert von Karin Beier, einer jüngeren Regisseurin. Man war versucht, an kluge Dramaturgie zu glauben, zumal das Programmheft Günther Rühle "Klage führen" lässt, "dass das einst prächtige Verhältnis des deutschen Theaters zu den späten Dramen Schillers immer mehr verkommt".

Hort prächtiger Spät-Schiller-Pflege

Die Burg also als Hort prächtiger Spät-Schiller-Pflege? Dass man sich hier etwas unvorsichtig gefreut hatte, wurde am Sonntagabend, "in der Schreckensstunde, wo der Mensch sich gern vertraulich an den Menschen schließt" (Schiller) oder eben ins Theater geht, relativ rasch evident.

Warum sie sich, einmal abgesehen von der sicher erfreulichen Entlohnung und den luxuriösen Arbeitsbedingungen an der Burg, dafür entschieden hatte, ausgerechnet Schillers problematische "Jungfrau" in Szene zu setzen, ließ Karin Beier in ihrer ratlosen Inszenierung konsequent unbeantwortet.


Fanatische Terroristin

Und das, obwohl gerade die "romantische Tragödie" "Die Jungfrau von Orléans" dringend einer stringenten Deutung bedürfte. Was kann uns das Theater mit Johanna heute sagen wollen, der "unzivilisierten" Schäferin, die, gepanzert durch die Unversehrtheit ihrer Jungfräulichkeit und durch religiösen Fanatismus, die französischen Truppen mordgeil ins Feld hetzt gegen den Ausländer, weil, so Johanna: "Was ist unschuldig, heilig, menschlich gut, / Wenn es der Kampf nicht ist ums Vaterland?"

In Vorab-Interviews wollte es scheinen, als sähe Karin Beier in Johanna, die übrigens exakt am 11. September 1801 in Leipzig auf die Bühnenwelt kam, eine frühe Ahnfrau des verblendeten Keuschheitsterroristen Mohammed Atta. Nicht so am Sonntagabend. Da zeigte Karin Beier selbst eine Regieenthaltsamkeit, die jeden Versuch, einen - ästhetischen oder inhaltlichen - Aussagewillen in dem Abend zu entdecken, geradezu absurd erscheinen ließ. Auf der weitgehend leer geräumten Bretterbühne von Achim Römer tummelte sich ein Ensemble, das in seinen Spielstilen ebenso uneinheitlich auftrat wie in den Kostümen, die quer durch die Jahrhunderte wiesen. Da plauderte König Karl (Nicholas Ofczarek), ganz gegenwärtig in Hemd und Freizeithose, mit Graf Dunois (Juergen Maurer) im Ritterharnisch, traf heu- tige Lakonie auf feucht geschmettertes Stadttheater-Pathos.

So weit, so mittlerweile auch schon bekannt. Motto: Dem Fanatiker schlägt keine Stunde. Diesen simplen Satz einzusehen, hätte kaum jemand drei zäher Stunden bedurft. Wahrscheinlich aber lag es ohnehin nicht in Karin Beiers Interesse, ihn zu formulieren. Denn gänzlich unterroristisch, gänzlich konturenlos blieb die Johanna, die sie gemeinsam mit ihrer Protagonistin Karoline Eichhorn erfand.

Eichhorn: Eine knuddelig liebenswerte Meg Ryan des Burgtheaters

Eichhorn, so viel machte sie in jeder Bewegung klar, ist die Gedankenwelt Attas ebenso fern wie jene Schillers oder gar die der historischen Jeanne d'Arc. Sie ist eine junge Frau der - westlichen - Gegenwart. Das blonde Kurzhaar modisch verwuschelt, stapft sie lausbubenhaft über die Bühne, jede Sekunde eine knuddelig liebenswerte Meg Ryan des Burgtheaters. Schwingt sie das Schwert, drohen die Schrecken der Fitness, nicht des Krieges. Nicht keusche Trauerspiel-Märtyrerin ist diese Johanna, nicht fanatische Glaubensterroristin. Sie ist die schalkhaft lachende Frau aus der Fernsehwerbung. Eine von uns, eine von heute.

Schillers Interesse an der Bearbeitung des Johanna-Stoffs war primär eines der Form. Schon Zeitgenossen erkannten, was George Bernhard Shaw auf den Punkt brachte: Als Tragödie war das Erfolgsdrama verunglückt, "romantic nonsense".

Schillers "Jungfrau" inhaltlich nicht ernst zu nehmen mag sich also durchaus argumentieren lassen. Das aber hieße: sie nicht zu spielen. Sie zu spielen und dennoch nicht ernst zu nehmen, wie Karin Beier und Karoline Eichhorn es nun am Burgtheater praktizieren, weder ein formales noch ein inhaltliches Interesse zu signalisieren, ist schlicht perfid: die Reduktion der Theaterarbeit auf Gelderwerb. Da will es passen, dass Jeanne d'Arc neuerdings die französische Euromünze ziert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 05.02. 2002)

Share if you care.