Abfertigung neu frühestens 2003

4. Februar 2002, 19:09
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Wirtschaftskammer-Sozialpolitiker: Installation der Abfertigungskassen braucht Zeit

Wien - Die Abfertigung neu wird erst Anfang 2003 kommen, selbst wenn es der Regierung gelingt, dieses komplizierte Gesetzeswerk rechtzeitig bis Juli durchs Parlament zu bringen. Diese Ansicht vertrat Martin Gleitsmann, Leiter der Sozialpolitik-Abteilung der Wirtschaftskammer, in einer vom Institute for International Research (IIR) veranstalteten Konferenz. Es werde so lange dauern, bis die nötigen Abfertigungskassen installiert sind, argumentiert Gleitsmann, der als Sozialpartner diese Materie verhandelt und hofft, schon Anfang März einen Entwurf vorlegen zu können.

Alle Arbeitnehmer, die ab 2003 einen neuen Job annehmen, haben demnach vom ersten Tag an einen Anspruch auf eine Abfertigung. Auf die Hand kriegen sie das Geld aber frühestens nach drei Jahren, wenn sie gekündigt werden oder einvernehmlich gehen. Sie können das angesparte Kapital aber auch weiterhin in der Abfertigungskassa angelegt lassen. Wer selbst kündigt, darf das Geld nicht bar abheben, sondern muss das Geld drinnen lassen. Am Ende ihres Arbeitslebens können die Arbeitnehmer dann wählen, ob sie eine lebenslange Zusatzrente oder die gesamte Summe auf einmal ausgezahlt haben wollen.

700.000 wechseln jährlichen den Job

Etwa 700.000 Menschen werden zunächst die Abfertigung neuen Stils bekommen. So viel Menschen wechseln üblicherweise pro Jahr ihren Job. Experten rechnen nicht damit, dass Arbeitnehmer in großem Stil vom alten ins neue System umsteigen werden. Die Gründe: Das geht nicht automatisch und müsste extra ausverhandelt werden. Alle, die bereits drei Jahre lang angestellt sind, fahren mit dem alten System besser. Erst nach 37 Jahren wirft das neue System bessere Erträge ab.

Ernüchterung

Bei Versicherungen, Pensionskassen und Fonds, die als Betreiber der neuen Abfertigungskassen in Betracht kommen, ist indes eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Sie wollen ja an der Verwaltung der Kassen verdienen, müssen sich bei der Veranlagung der Gelder aber an gewisse Vorschriften halten (nicht mehr als 40 Prozent Aktien): "Es kann sich nur für maximal fünf Anbieter rechnen", sagte etwa Johannes Ziegelbecker von der ÖPAG Pensionskassen AG. Er schätzt das anzulegende Geldvolumen auf 120 Mio. Euro (1,65 Mrd. S) im ersten Jahr ein. "Nach drei Jahren werden wir acht bis neun Milliarden Schilling im System haben." Das ist viel weniger als ursprünglich erwartet.

Das Prinzip: Je länger das Geld in den Kassen bleibt und je besser es angelegt werden kann, desto mehr schaut am Ende für die Arbeitnehmer heraus. Dass nach 25 Jahren - so wie beim jetzigen System - ein ganzes Jahresgehalt als Abfertigung herausspringen kann, halten Experten für unmöglich. "Ein halbes oder dreiviertel Jahresgehalt könnten es sein", mutmaßt Professor Bernd Marin vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung. Schließlich müssten die Firmen "nur" 1,53 Prozent pro Monat einzahlen.

"Klassische Lebensversicherung"

Für Manfred Baumgartl von der Allianz (Lebensversicherung) stellt die Abfertigung neu, wie sie bisher geplant ist, eine "klassische Lebensversicherung" dar. Für Mathias Bauer von der Kapitalanlagegesellschaft (KAG) Raiffeisen läuft sich dies auf ein "relativ teuer administriertes Sparbuch hinaus". (Lydia Ninz, DER STANDARD, Printausgabe 5.2.2002)

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