Verbund vor fliegendem Wechsel

5. Februar 2002, 13:29
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Liebhaber der Wasserkraftehe mit der deutschen E.ON entdecken Herz für rot-weiß-rote Stromlösung

Wien - Nach dem Aufruf von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, fünf Minuten vor zwölf eine große österreichische Stromlösung zu schaffen, werden Kritiker der geplanten Fusion der Wasserkraftwerke von Verbund und dem deutschen Atomstromriesen E.ON mutiger. Immer mehr Befürworter einer intimen Kooperation zwischen Verbund und Landesversorgern finden plötzlich ihre Stimme wieder, wollen ihre Namen aber nicht in der Zeitung finden.

"Nicht erste Wahl

Ein Verbund-Aufsichtsrat, der anonym bleiben will, räumt ein, dass der Deal mit den Deutschen nicht erste Wahl war. "E.ON ist kein Muss." Laut Übereinkunft würde der Verbund 63 Prozent an der European Hydro Power (EHP) halten. Der Kanzler suche nun ein gesichtwahrendes Ausstiegsszenario. Die Zeit dafür sei günstig: "Alle Beteiligten sind streichfähiger geworden." Die Zeit der Machtspielchen sei vorbei.

Was dazukommt: Das elektrische Trio aus EVN, WienEnergie und Tiroler Tiwag könnte mit seiner Sperrminorität bei der Verbund-Hauptversammlung in sechs Wochen Einspruch einlegen. Langwierige juristische Streitigkeiten würden den Deal sowieso scheitern lassen.

Auch von Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, der sich bis jetzt nicht in die Agenden des EVN-Vorstandes eingemischt hat, kommen völlig neue Töne: "Ich erwarte von den beauftragten Vorständen, die laufenden Gespräche über eine große österreichische Wasserkraftlösung zu einem erfolgreichen Ende zu bringen."

Österreichische Lösung

Hinter den Kulissen wird schon seit Anfang Dezember ein neuer Anlauf für eine große österreichische Energielösung ohne die E.ON verhandelt. Auf der einen Seite sitzt der Verbund, auf der anderen die Energie Allianz (WienEnergie, EVN, Energie AG Oberösterreich sowie Linz AG, dazukommen sollen die burgenländische Bewag). Die Gespräche seien sehr konstruktiv, man strebe eine Partnerschaft auf Augenhöhe an, im In- wie auch im Ausland.

Mögliche Variante: Die Allianz hat bei Stromverkauf die Hosen an, der Verbund übernimmt die Kontrolle einer gemeinsamen Erzeugungsgesellschaft sowie den Stromhandel mit dem Ausland. Diese Lösung sollte auch offen sein für Steirer, Kärntner, Tiroler, Vorarlberger oder Salzburger. Ziel: Heimischer Wasserkraftstrom soll primär im Inland abgesetzt werden.

Greenpeace-Kritik

Massive Kritik an dem Deal kommt von der Umweltschutzorgaisation Greenpeace. Haupteinwand: "Durch die Fusion mit E.ON hätte der deutsche Atomstromkonzern maßgeblichen Einfluss auf die österreichische Energiepolitik", sagt Greenpeace-Energieexperte Erwin Mayer.

Auch SP-Parteichef Alfred Gusenbauer spricht sich für eine Ehe des Verbunds mit den Landesversorgern aus. Zuvor müsse die Regierung jedoch das verschleppte betriebswirtschaftliche Problem des Verbunds lösen. Man müsse ihm die von der EU bereits genehmigten Stranded Costs von 458 Mio. Euro zukommen lassen. Damit könnte er entschuldet und seine Eigenkapitalquote gestärkt werden. (Clemens Rosenkranz, DER STANDARD, Printausgabe 5.2.2002)

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Von Clemens Rosenkranz

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