Die Angst der Mütter vor dem Sport

4. Februar 2002, 20:04
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Der neue IOC-Präsident Jacques Rogge sprach in Salt Lake City Grundsätzliches an, das heißt er geißelte Doping

Salt Lake City - IOC-Präsident Jacques Rogge hat zur Eröffnung der 113. Vollversammlung seine erste Regierungserklärung abgeben. Der 59-jährige Belgier wurde ziemlich deutlich, die Rede war fast so flammend wie das Feuer Olympias: "Der Dopingmissbrauch ist eine schreckliche Gefahr, die größte für den Sport. Wacht auf", sagte er, und sein Vorgänger Juan Antonio Samaranch saß in der ersten Reihe. "Wir dürfen uns keine Schwäche erlauben."

Da Rogge erstens geadelter Ritter und zweitens Mediziner ist, ging er gleich viermal auf dieses Thema ein: "Biotechnologie und Genetik haben die Gefahr weiter erhöht, wir stehen am Scheideweg." Doping sei ein Angriff auf die ethischen Werte des Sports, auf Fairplay und die Gesundheit der Athleten. "Wenn morgen die Mütter fürchten müssen, dass ihre Kinder nur mit Drogen im Sport erfolgreich sein können, werden sie ihnen den Weg in die Vereine verbieten. Der gesamte Nachwuchssport wird darunter leiden."

Überraschend deutlich sprach Rogge auch den großen Bestechungsskandal bei der Wahl von Salt Lake City 1995 durch das IOC an: "Diese Krise hat das IOC fast zerstört. Wir haben darauf mit aller Strenge reagiert", sagte er vor Utah-Gouverneur Mike Leavitt und anderen Ehrengästen im Hotel Grand America. "Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen, damit Ähnliches nie wieder passieren kann."

Mehr als eine Million Dollar Schmiergelder waren an IOC-Mitglieder geflossen, zehn von ihnen traten Anfang 1999 zurück oder wurden ausgeschlossen. Rogge kündigte eine Überprüfung aller danach eingeleiteten Reformen auf einem weiteren Kongress im November in Mexiko-Stadt an. Dabei soll auch die Gefahr des Gigantismus gebannt werden: "Der Umfang der Sommerspiele und ihre Kosten bergen das Risiko in sich, dass die Spiele zum Opfer ihres eigenen Erfolges werden. Wir müssen schauen, dass eines Tages Städte aller Kontinente als Gastgeber infrage kommen. Nicht nur die Reichen."

Rogge erinnerte zum Abschluss an die hohen Werte des Sports: "Er bringt Gesundheit, Hoffnung und Glück, lehrt Fairplay, Respekt für Regeln und Brüderlichkeit." Olympische Spiele gehörten nicht dem IOC, sondern der Menschheit: "Sie sind der Traum der ganzen Welt, es ist unsere Aufgabe, ihn zu erhalten." Auf den Terror vom 11. September habe die olympische Bewegung durch ihre Geschlossenheit die richtige Antwort gegeben: "Wir stehen ohne Zweifel vor zwei unvergesslichen Wochen." Applaus. (red)

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 4.2. 2001)
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