Erweiterung der Nato: Der Fall Finnland

4. Februar 2002, 19:52
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Die Skandinavier vertrauten traditionell sehr stark auf die eigene Armee

Wien/Helsinki - An mindestens vier, möglicherweise aber auch sieben mittel- und osteuropäische Länder dürfte auf dem Nato-Gipfel im November in Prag die Einladung zur Mitgliedschaft ergehen. Als fixe Anwärter gelten neben Slowenien die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Rumänien und Bulgarien können sich ebenfalls Hoffnungen machen. Im Fall der Slowakei, die an sich ein Fixstarter wäre, kommt es auf den Ausgang der Parlamentswahlen im Herbst an: Eine Rückkehr des umstrittenen mehrfachen Premiers Vladimír Meciar an die Macht würde nach vorliegenden Indizien innerhalb der Allianz, vor allem bei Briten und Amerikanern, Widerstände mobilisieren.

In Finnland, einem der vier EU-Staaten, die keinem Militärbündnis angehören (neben Schweden, Österreich und Irland), stellt man sich bereits auf eine Nato-Mitgliedschaft der baltischen Republiken ein, mit der sich offenbar auch Russland schon abgefunden hat. Im Gespräch mit österreichischen Journalisten zeigte die finnische Präsidentin Tarja Halonen dieser Tage Verständnis für das Sicherheitsbedürfnis der Balten, nachdem diese ihre Unabhängigkeit von der ehemaligen Sowjetunion zurückerhalten haben: "Sie haben eine härtere Erfahrung gemacht als Finnland oder etwa auch Österreich. Finnland war niemals Teil der Sowjetunion. Unsere Wege, die eigene Sicherheit zu gewährleisten, sind daher unterschiedlich."

Starke Armee

Die Finnen vertrauten traditionell sehr stark auf die eigene Armee, sagt Halonen. Das ist eine Anspielung auf den Winterkrieg 1939/40 und den Fortsetzungskrieg bis 1944, in denen Finnland unter hohem Blutzoll und um den Preis von Gebietsverlusten (Karelien) einen sowjetischen Eroberungsfeldzug abwehrte.

Die finnische Präsidentin verweist auf den in Umfragen ausgewiesenen breiten Konsens in der Bevölkerung, die Bündnisfreiheit gemäß der Linie von Regierung und Parlament beizubehalten. Auch sie unterstütze diese Position sehr stark. Das schließe aber eine Nato-Mitgliedschaft in der Zukunft nicht aus, "wenn wir sie brauchen sollten".

Entscheidend sind für Halonen zwei Punkte: Die Schaffung eines europäischen Sicherheitssystems mit klarer Aufgabenverteilung zwischen Nato und EU ("Eine zweite Nato brauchen wir nicht, wir haben schon eine"), und die Anbindung Russlands an den Westen: "Die Russen wollen Europäer sein. Ermutigen wir sie dabei, es auch tatsächlich zu werden." (DER STANDARD Print-Ausgabe, 5.2.2002)

Von Josef Kirchengast
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