Der Leuchtturm

4. Februar 2002, 18:00
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Dort wo er jetzt steht, ist er genauso sinnlos, wie dort, wo er einst stand.

Denn auf der Sunken City - seit ein paar Jahren max-City, aber das hat sich einfach nicht durchgesetzt und wird demnächst wohl ohnehin in T-Mobile-City verwandelt werden, was auch nicht wirklich sexy ... aber egal - also dort, wo der Leuchtturm jetzt steht, braucht ihn kein Mensch. Und so genau weiß auch niemand, wieso man ihn eigentlich auf die Donauinsel geschleppt hat: Rauf darf man nicht - und um sich die Reaktionen der an die Copa Kagrana anrainenden Menschen vorzustellen, wenn ihnen das Licht eines Leuchtturmes alle paar Sekunden das Schlafzimmer erhellt, braucht man nicht allzu viel Phantasie. Drum steht er einfach nur so in der Gegend herum.

Eines Tages war er da

Das hat er früher auch gemacht. Vor dem technischen Museum. Warum man den Turm vor langer Zeit an jene Ecke gestellt hat, an der dann auch das erste Imax-Kino errichtet wurde, weiß heute niemand mehr. Eines Tages war er da, stand und das einzige was über ihn in der Gegend heute noch bekannt ist, ist dass er zuvor am Bodensee gestanden haben soll. Aber auch dort war der Leuchtturm kein Leuchtturm, sondern bloß ein Stück Kulisse auf der Seebühne. Erzählt man. In der Pizzeria "Piccolo Diz".

Ein echter Schock

Dort sind nämlich die einzigen Menschen zu finden, die noch ab und zu an den Leuchtturm denken. Und die wirklich traurig - ja geradezu entsetzt - waren, als der Turm entfernt wurde. Es sei ein echter Schock gewesen, als die Arbeiter kamen und begannen, den Turm abzubauen. Niemand habe die Leute in der Pizzeria vorgewarnt ­- und man sei dann plötzlich völlig alleine und einem falschen Namen dagestanden.

Denn das "Piccolo Diz" war früher die "Pizzeria beim Leuchtturm". Keine aufregende, außergewöhnliche oder sonst wie herausragende Stätte italienischer Gastlichkeit. Auch nicht besonders schlecht. Einfach eine durchschnittliche Pizzahütte. Aber man war doch irgendwie stolz darauf, mitten in Wien ein bisserl maritimes Flair in den eigenen Namen verpacken zu können - und damit nicht einmal zu lügen. Irgendwann ist dann aus dem großen "Leuchtturm" ein kleiner "diz" (das sich leider nicht in meinem noch kleineren Italienischwörterbuch finden lässt) geworden.

Höhenangst

PS: Der Besitzer des Leuchtturmes, ein großer Donauinselgastronom, hat mir vor ein paar Jahren erzählt, er wisse selbst nicht so genau, was er mit dem Turm anfangen solle. Immerhin hat er mich und einen Fotografen aber hinaufgelassen. Er selbst war aber nur schwer dazu zu bewegen, sich auf die Plattform zu stellen: Der Leuchtturmbesitzer leidet unter Höhenangst.

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