Gibraltar, Fels in der Brandung?

6. Februar 2002, 10:19
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Bis Sommer wollen London und Madrid den bilateralen Konflikt lösen - Europas letzte Kolonie steht jedoch fest zu Großbritannien

Die Aussicht, Spanien und Großbritannien könnten in einem der ältesten bilateralen Konflikte Europas einer Lösung näher gekommen sein, hat die Betroffenen in Aufregung versetzt: Die rund 30.000 britischen Bewohner Gibraltars wollen nicht auf ihre im Lauf von fast 300 Jahren erworbenen Privilegien verzichten und äußern angesichts der Gespräche zwischen den Außenministern Jack Straw und Josep Piqué ihre Angst, "übergangen" zu werden.

Rasche Beilegung des Streits

Die Regierungen der beiden EU- und Nato-Partner haben sich - auf persönliche Initiative der Regierungschefs - auf eine rasche Beilegung des langjährigen Streits um die Souveränität des 6,5 Quadratkilometer großen Territoriums an der Südspitze der Iberischen Halbinsel verständigt. Möglichst noch im Halbjahr der spanischen EU-Präsidentschaft soll unter der Formel der "geteilten Souveränität" eine Einigung über den künftigen Status Gibraltars unterschriftsreif werden.

Im Vertrag von Utrecht wurde der strategisch bedeutende Felsen ("The Rock") an der Meerenge von Gibraltar 1713 der britischen Krone zugesprochen. Mit dem Ende des Kalten Krieges hat die Festung keine militärische Bedeutung mehr. Heute verdanken die Gibraltarenen ihren - im Vergleich zum andalusischen Umland - hohen Lebensstandard dem Zollfrei-Hafen, den Tourismus und dem Ruf als "Steuerparadies", in dem über 70.000 Briefkastenfirmen angemeldet sind.

"Gibraltar bleibt britisch"

Daran soll sich nach Wunsch der Bewohner nichts ändern. Mehrere Tausend Anhänger der sozialistischen Partei demonstrierten am Montagabend im Niemandsland vor der spanischen Grenze unter dem Slogan "Gibraltar bleibt britisch".

Am Regierungssitz erteilt auch der amtierende "Chief- Minister" dem angepeilten Konsens eine klare Absage: "Die vorgeschlagene Formel, wonach wir Betroffenen keine Vetorecht bei den Verhandlungen haben, ist für uns nicht akzeptabel", sagt Peter Caruana zum _Standard und kündigt einen Boykott an.

Einigung steht bevor

Die bevorstehende Einigung zwischen Spanien und Großbritannien sieht zwar die Anerkennung "historischer Rechte" und "kultureller Eigenheiten" vor, bedeutet aber in Fragen der Außen-, Sicherheits- und Geldpolitik ein Mitspracherecht Spaniens. Während erregte Gibraltarenen von einer gewaltsamen Annexion sprechen und ihre Bereitschaft versichern, erworbene Rechte "mit allen Mitteln, auch der Gewalt" zu verteidigen, setzt der Chefminister auf Hilfe vonseiten der EU: Caruana will das Europaparlament informieren.

Dabei ist Spanien längst von Maximalforderungen wie der bedingungslosen Rückgabe des Territoriums abgerückt. Madrid scheint bereit, den aufsässigen Kolonisten die Annäherung an Spanien schmackhaft zu machen: Statt stundenlanger Grenzkontrollen lockt man mit einer Freigabe des spanischen Luftraums für Flüge nach Gibraltar - Millionen Costa-del-Sol- Touristen könnten den brachliegenden Flughafen nützen. In der letzten Kolonie Europas stehen Veränderungen bevor. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 6.2.2002)

STANDARD- Korrespondent Josef Manola aus Madrid
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