Neuer "Marshallplan" gefordert

4. Februar 2002, 19:33
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Jordaniens König Abdullah hofft auf Aufschwung in der muslimischen Welt

New York/Porto Alegre - Der jordanische König Abdullah hat eine Art Marshallplan des Westens zur Förderung des Aufschwungs in der muslimischen Welt gefordert. Diese Hilfe könne sich an den Plänen für den Wiederaufbau Afghanistans orientieren, sagte Abdullah beim Weltwirtschaftsforum in New York. "Die Bevölkerung der muslimischen Welt ist heutzutage sehr jung. Zu viele dieser jungen Menschen leben in Armut, die ihnen die Hoffnung stiehlt und Verzweiflung sät."

Bei den Beratungen der rund 2700 in New York versammelten Manager, Politiker und Wissenschafter war immer wieder Kritik an der Handelspolitik der USA und Europas laut geworden. Mit nicht mehr zeitgemäßen Zollbarrieren und Subventionen zum Schutz der heimischen Industrien erschwerten diese es den armen Staaten, an den Vorteilen der Globalisierung des Handels teilzuhaben, hieß es. Das fünftägige Weltwirtschaftsforum, das aus Solidarität mit den Opfern vom 11. September von Davos nach New York verlegt worden war, ging Montagabend zu Ende.

"Illegale Schulden"

Bei der Gegenveranstaltung, dem Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre, mit rund 40.000 Teilnehmern aus aller Welt, wurden die Billionenschulden der Dritten Welt als illegal verurteilt, sodass sie erlassen werden müssten. Am Sonntag trat dazu ein selbst ernannter "Gerichtshof" zusammen, um über die Verschuldung der Dritten Welt zu beraten.

Das Urteil lautete, dass die Schulden in Höhe von 1,8 Billionen Dollar (rund 2000 Mrd. Euro) "außerhalb der Auflagen nationalen und internationalen Rechts und ohne Konsultation der Bevölkerung" ent- standen seien. Unter den "Richtern" waren der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel, der südafrikanische Dichter Dennis Brutus, ein Weggefährte Nelson Mandelas, sowie die tansanische Abgeordnete Rosemary Nyerere, Tochter des früheren Staatspräsidenten Julius Nyerere.

Den Industriestaaten und Finanzorganisationen wie der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds wurde in 13 Anklagepunkten unter anderem vorgeworfen, mit Wucherzinsen Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen und diktatorische Regime unterstützt zu haben.

"Erklärung der sozialen Bewegungen"

In einer nahezu fertigen "Erklärung der sozialen Bewegungen" von Porto Alegre werden überdies neben den bekannten Zielen wie Einführung der Tobinsteuer auf Devisentransaktionen und Auflösung der Steueroasen auch neue Punkte angeführt.

Dazu gehört etwa das Menschenrecht auf eine selbstbestimmte Ernährung. Dienstleistungen wie Kindererziehung, Bildung und Gesundheitsversorgung halten Attac & Co für gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die nicht in die Hände privatwirtschaftlicher Unternehmen gelegt werden dürften. Das Weltsozialforum 2003 in Porto Alegre wollen die Veranstalter durch regionale Foren in Europa und anderen Weltgegenden vorbereiten. Die europäische Konferenz könnte im Herbst in Rom stattfinden. Außerdem diskutiert man über ein regionales Sozialforum in Jerusalem, das Israelis und Palästinenser zusammenbringen soll. (AP/Hannes Koch/DER STANDARD, Printausgabe 5.2.2002)

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