Abgeschirmt vom Größenwahn

13. Februar 2002, 12:14
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Ein Film über Adolf Hitlers Sekretärin Traudl Junge, die "das Monster nicht rechtzeitig erkannt" hat

Erinnerungen an Leben und Arbeit "im toten Winkel": Traudl Junge war Adolf Hitlers Sekretärin und hat "das Monster nicht rechtzeitig erkannt". Ein Film über sie von André Heller und Otmar Schmiederer läuft in den nächsten Tagen bei der Berlinale.

von Claus Philipp


Wien/Berlin - "Ich habe nicht gedacht, dass mich das Schicksal so vorantreibt, an eine Stelle, die ich überhaupt nicht angestrebt hab'", erzählt die alte Dame. Oder, im Rückblick auf die junge Frau, die sie war: "Ich hab' das Gefühl, dass ich diesem kindischen jungen Ding bös' sein muss. Dass ich ihm nicht verzeihen kann, dass es diese Schrecken, dieses Monster nicht rechtzeitig durchschaut hat."

Das Monster: Adolf Hitler. Fast zwei Jahre lang war Traudl Junge seine Sekretärin - bis hinein in die letzten Tage im Führerbunker, über die sie erstaunlicherweise über Jahrzehnte hinweg nie interviewt worden ist. André Heller hat dieses Versäumnis nun wettgemacht. Der Filmemacher Otmar Schmiederer hat das Gespräch aufgezeichnet. Geschult an ähnlichen Versuchen in Oral History, wie sie etwa Egon Humer in "Schuld und Gedächtnis" unternommen hat, haben beide gemeinsam einen niemals selbstgefällig auf "exklusive" Schauwerte abzielenden Film gestaltet.

Endzeit-Kammerspiel

Hellers Fragen sind weitgehend ausgeblendet. Vor der Kamera sitzt, ganz für und bei sich, Traudl Junge. Für das Endzeit-Kammerspiel, das sie erzählt, findet sie eine Sprache, wie sie nur lebenslängliche Erinnerungszwangsarbeit ermöglicht. "Im inneren Kreis seines engeren Umfelds war man so abgeschirmt von den größenwahnsinnigen Projekten, den barbarischen Maßnahmen", beschreibt sie Leben und Arbeit in einem "toten Winkel", der dem Film den Titel gibt: "Ich habe, als ich zu Hitler kam, gedacht, ich wäre jetzt an der Quelle der Information. Aber bei jeder Explosion gibt es einen toten Winkel, wo man nichts hört."

Junges Ausführungen sind oft präzise Beschreibungen von Nichtwahrnehmungen: Seien es jene wie die ganz bewusste, mit der Hitler bei Zugfahrten durchs verwüstete Deutschland die Vorhänge zuziehen ließ. Oder seien es solche wie die der in den letzten Tagen des Dritten Reichs im Führerbunker versammelten Menschen, unter denen die Kinder akustisch vernehmbare Bombeneinschläge mit "Volltreffer!" quittierten - im sicheren Bewusstsein, "dass die Betondecke über ihnen zehn Meter dick war".

Kaum Tippfehler

Man könnte einmal mehr Hannah Arendts Verdikt über die "Banalität des Bösen" strapazieren, wenn Traudl Junge etwa die Hochzeitsgesellschaft rund um Hitler und Eva Braun beschreibt, an deren Rand sie damit befasst ist, des Führers Testament in dreifacher Ausfertigung zu tippen, mit unüblich wenigen Tippfehlern übrigens. Oder wenn sie schon früher erste Auflösungserscheinungen im Bunker daran festmacht, dass man auf einmal selbst dann rauchte, wenn Hitler im Raum war.

Junges Erzählung geht jedoch über das Anekdotische, dem sie übrigens selbst misstraut, weit hinaus. Und der Film verstärkt dies noch in vollständigem Verzicht auf historisches Bild- und Filmmaterial, von dem Otmar Schmiederer heute sagt: "Ihn bei den Produzenten durchzusetzen, wäre ohne Hellers Autorität undenkbar gewesen." Aber gerade so unterscheidet sich "Im toten Winkel" so dankenswert von den derzeit obligaten Holocaust-Voyeurismen im Umfeld von Guido Knopp und Co.

Gerade so wird, wenn Junges Erzählung in einem 25-minütigen, immer detailreicheren Monolog über die letzten Sekunden vor Hitlers Selbstmord gipfelt, bewusst, was die Sprache der Erinnerung so sehr von jener der konventionellen Historie unterscheidet. Immer wieder gilt es, Atem zu holen; neue Details stürzen auf den Einzelnen ein: Wenn es so schwer ist, ein paar Momente in einem kleinen Raum zu beschreiben, wie redet man dann über die großen Raum-Zeit-Bewegungen, Verwüs-tungen und Verbrechen in Nazi-Deutschland? Wie umgeht man dann die gefälligen Schlagworte wie "Vergangenheitsbewältigung" oder "Hitlers willige Vollstrecker"?

Gedächtnislücken erzählen

In ihrer Fähigkeit, zuzuhören und auf das Filmische zu vertrauen, ohne filmische Finessen zu bemühen, erinnern Heller und Schmiederer an einen vergleichbar wichtigen, insgesamt noch komplexeren Rückblick: In Claude Lanzmanns "Sobibor" lässt sich ein ehemaliger KZ-Häftling immer mikroskopischer auf den Moment ein, in dem er einen deutschen Aufseher erschlug. Dies wäre gewissermaßen eine Gegenstimme (durchaus in einem theatralischen Sinn) zu Junges Ausführungen. So wie Lanzmanns Erzähler nach begangener Tat wortwörtlich in Ohnmacht fällt, erzählt auch Traudl Junge über eine Gedächtnislücke, einen Punkt, hinter dem die Wahrnehmung endgültig aussetzt.

Es müsste jetzt selbstverständlich sein, dass der ORF "Im toten Winkel" nach der Projektion im "Panorama" der Berliner Filmfestspiele in der nächsten Woche einen Hauptabendtermin zukommen lässt. Zu befürchten ist, dass man dieses Lehrstück aber eher als "Kunststück" behandeln wird - und es bevorzugt spätnachts präsentieren wird. Hoffentlich kann sich André Heller auch hier, wie schon gegen die Sensationslust der Produzenten, durchsetzen. Seltsam eigentlich, was man heutzutage durchsetzen muss ...
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.02. 2002)

  • "Ich weiß gar nicht mehr, wie wir die Zeit damals rumgebracht haben": Sekretärin Traudl Junge über die letzten Tage im Führerbunker in "Im toten Winkel".
    filmstill: otto schmiederer

    "Ich weiß gar nicht mehr, wie wir die Zeit damals rumgebracht haben": Sekretärin Traudl Junge über die letzten Tage im Führerbunker in "Im toten Winkel".

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