Das "Nachtasyl" als Treffpunkt von Ex-Charta-77-Aktivisten

4. Februar 2002, 17:23
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Die tschechische Gemeinde in Wien

Wien - Wie jeden Abend füllt sich das Nachtasyl in der Wiener Stumpergasse langsam - mit Menschen, Rauchschwaden und Bierdunst. Es ist die altbekannte Klientel, die jungen Punker und die schon etwas Älteren, meist in Lederjacken. Diskutiert wird hier immer, meist auf Tschechisch. Tschechische Exilanten und vor allem ehemalige Charta-77-Aktivisten sind der harte Kern dieses Lokals. Und in letzter Zeit werden die Debatten hier durchaus noch emotionaler geführt. Die Missstimmung zwischen Österreich und seinem Nachbarstaat drückt sich gerade in der tschechischen Community massiv aus. Immerhin leben sie in beiden Welten, das Bewusstsein und die geistige Verbundenheit zur Heimat hat sich nie geändert, geschweige denn dezimiert. Was aber keineswegs dazu führt, dass hier für eine Seite Stellung bezogen wird. Ganz im Gegenteil.

Tiefe Gefühle

"Da haben sich zwei Menschen getroffen, die eine schlechte Wortwahl haben", ärgert sich Jirí Chmel, Besitzer des tschechischen Kulturfreiraums und Bierlokals Nachtasyl, über den direkten Schlagabtausch zwischen Landeshauptmann Jörg Haider und dem tschechischen Regierungschef Milos Zeman. "Zeman spielt auf den tiefsten emotionalen Gefühlen - und das ist genau das Gleiche wie bei Haider."

Dabei will Jirí selbst nicht aufklärend wirken - dies sei Sache der Historiker, und nicht die der Menschen, deren Hauptnutzen es ist, die Oberfläche der Themen für ihre politischen Ideen zu missbrauchen. Im Grunde sei man schon von Anfang an falsch mit Temelín umgegangen. Selbst Václav Havel sehe das als seinen größten Fehler an, erinnert Jirí. Und die Benes-Dekrete vom Mai 1945 seien seiner Ansicht nach ein viel zu großes und kompliziertes Thema, um einfach nur Politik damit zu machen. Hier gehe es schlussendlich um menschliches Leid sowohl auf der tschechischen als auch auf der deutschen Seite.

Und Leid ist ihnen selbst widerfahren, den ehemaligen Charta-Aktivisten, die hier versammelt sitzen. Jirí hatte eineinhalb Jahre als Charta-Unterzeichner im Gefängnis verbracht. Bis ihm schließlich vor 20 Jahren die Staatsbürgerschaft entzogen und er ausgewiesen wurde. Auf Einladung der Regierung Kreisky kam er nach Wien. Und eröffnete hier 1986 das Nachtasyl. Ein Treffpunkt für tschechische Musiker, Autoren, Journalisten und Maler, aber auch für Österreicher und Menschen aus aller Welt. Freidenker meist, solche, die gegen den Mainstream anschwimmen. Und Prominenz. Dereinst schaute Peter Zadek nach seiner ersten Aufführung im Burgtheater vorbei. Oder Karl Schwarzenberg samt Václav Havel nach dessen erstem Besuch in der Hofburg. Nick Cave und Blixa Bargeld besuchten das Nachtasyl im Mai 1987 nach ihrem Konzert im Raimundtheater und blieben bis zum Morgen. Die brasilianischen Death-Metal-Berserker Sepultura waren auch hier, aber darüber redet Jirí nicht.

Alles totreden

Jetzt ist man im Nachtasyl gespannt, welche Folgen die neuen politischen Entwicklung bringen werden. Und man wird lebhaft diskutieren. Es sei eben die slawische Eigenart, alles totzureden und im Endeffekt darunter zu leiden, weiß der Nachtasyl-Gründer. Aber man kann mal vorbeikommen, um darüber zu reden. Und Jirí freut sich, wenn jemand danach fragt. (DER STANDARD, Print, 4.2.2002)

Sie leben in Österreich, die geistige Verbindung zur alten Heimat haben sie nicht aufgegeben: Die Tschechen in Wien berühren die aktuellen politischen Auseinandersetzungen besonders Roman Freihsl und Jakub Schulz berichten über die tschechische Gemeinde in Wien
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