Volcker wird Leiter von unabhängigem Andersen- Überwachungsgremiums

4. Februar 2002, 19:19
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Ex-US-Notenbankchef soll "fundamentale Änderungen" in Praxis von Enron-Prüffirma vornehmen

New York - Paul Volcker, der ehemalige amerikanische Notenbankchef, ist von der Rechnungsprüfungsfirma Andersen zum Leiter eines neuen unabhängigen Überwachungsgremiums ernannt worden, das "fundamentale Änderungen" in der Rechnungsprüfungspraxis des Unternehmens vornehmen soll. Dies hat Andersen am Sonntag in New York angekündigt.

Der Ruf von Andersen hatte stark gelitten, weil die Gesellschaft viele Jahre Rechnungsprüfer bei dem bankrotten Energiehandelskonzern Enron war. Andersen hatte die Enron-Bücher abgesegnet und gleichzeitig bei Enron lukrative Konsultingarbeiten durchgeführt.

Anderson für eigenen Probleme verantwortlich gemacht

Enron hatte in einem firmeninternen Untersuchungsbericht am Wochenende Andersen mit für die eigenen Probleme verantwortlich gemacht. Andersen hatte den Enron-Bericht als Versuch dargestellt, die Schuld an dem Enron-Debakel anderen zuzuschieben.

Volcker ist ein international angesehener Finanzfachmann. Er war von 1979 bis 1987 US-Notenbankchef. Das neue Andersen-Aufsichtsgremium hat Vollmachten erhalten, Änderungen von Geschäftspraktiken anzuordnen, die es für notwendig und wünschenswert hält. Das Gremium soll mit der Arthur Andersen LLP zusammenarbeiten, der US-Gesellschaft des Rechnungsprüfungsunternehmens.

Rechnungs-und Buchführungsbranche in einer Krise

Volcker hatte schon vor einiger Zeit gewarnt, dass die Rechnungs- und Buchführungsbranche in einer Krise stecke. Diese Krise sei jetzt offensichtlich geworden, betonte er. Volcker wird für die Arbeit in dem Überwachungsgremium nicht bezahlt. Die anderen Mitglieder sind noch nicht benannt. Volcker hofft, dass die Arbeit auch zu einer Branchenreform beitragen wird.

Andersen kündigte zwei erste Schritte bei der firmeninternen Reform seiner Geschäftspraktiken an. Das Unternehmen will keine Neuaufträge zum Design und zur Einrichtung von Finanzinformationssystemen mehr von US-Rechnungsprüfungskunden annehmen. Andersen will auch seinen US-Rechnungsprüfungskunden keine internen Buchführungs-Dienste mehr anbieten. Enron hatte Andersen rund 27 Millionen Dollar für Consulting- und 25 Millionen Dollar für Rechnungsprüfungsdienste gezahlt.

Im Kongress, bei der Wertpapier- und Börsenkommission SEC und bei den Anlegern werden Forderungen nach einer strikten Trennung zwischen Rechnungsprüfungs- und Consultingarbeiten der großen amerikanischen Rechnungsprüfungsfirmen immer lauter, da man sonst Interessenkonflikte befürchtet.(APA/dpa)

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