"Und etwas von mir wird bleiben..."

6. Februar 2002, 11:06
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Die "Sammlung Frauennachlässe" am Institut für Geschichte der Uni Wien - ein Archiv weiblicher Erinnerungen - mit Ansichtssache

In den Wirren des Zweiten Weltkriegs beginnt eine Müllerin ihre Gedanken und Hoffnungen schriftlich festzuhalten. Sie nimmt ihr Schrotbuch und funktioniert es zu einem Tagebuch um. Ihr Sohn fällt in Russland - von da an begleitet sie der Krieg ihr ganzes Leben lang: Sie kommt über den Verlust nicht hinweg, schreibt in ihren Tagebüchern dreißig Jahre lang an ihren toten Sohn.

Heute finden sich ihre Schriften sorgsam geordnet und mit Namen und Datenblatt versehen in einem Ordner der "Sammlung Frauennachlässe" des Instituts für Geschichte an der Uni Wien. So wie 44 andere Nachlässe - der älteste von 1780, der jüngste aus den 80er-Jahren. Darunter Briefe, Tagebücher, Fotos, Dokumente - Zeugnisse aus vergangenen Tagen zum Alltag von Frauen verschiedenster Gesellschaftsschichten.

Aus Zufall entstanden

Der derzeit umfangreichste Nachlass umfasst 50 Tagebücher einer verarmten Schriftstellerin, die sie vor ihrem Tod der Nachbarin anvertraute - "Alma", wie sie die beiden Archiv-Mitarbeiterinnen Ulli Seiss und Li Gerhalter vertraut nennen. Zusammen mit Univ. Ass. Christa Hämmerle und Univ. Prof. Edith Saurer betreuen und verwalten sie die Sammlung.
"Entstanden ist das Archiv aus purem Zufall", erzählt Leiterin und Organisatorin Edith Saurer, die die Idee zur Sammlung geboren und sie mit viel Mühe und persönlichem Einsatz aufgebaut hat. "Wir haben 1989 von der heutigen Arbeitsgruppe für Frauen- und Geschlechtergeschichte aus eine Ausstellung zum Frauenwahlrecht in den 70er-Jahren gemacht und in der Straßenbahn-Zeitschrift "Ring Rund" um Dokumente zur ersten Frauenwahl gebeten - da kam ein Anruf einer Frau, die uns den Nachlass ihrer Mutter, eine der ersten österreichischen Feministinnen, anbot."

Bis dahin gab es in ganz Europa keine Sammlung, die sich auf private Dokumente von Frauen spezialisierte - und gibt es den Recherchen Saurers nach auch heute noch nicht. "Das Interesse an Wahrnehmungs- und Erfahrungsgeschichte, vor allem von Menschen aus Unterschichten, kam in der Geschichtsforschung generell erst sehr spät und Nachlässe von Frauen werden seltener für überlieferungswürdig erachtet als jene von Männern", so die Historikerin.

Geschenkt - und aus dem Altpapier

Die meisten Erinnerungsstücke landen zufällig bei den Betreuerinnen, meist durch Mundpropaganda. Einiges wurde beim Entrümpeln von Wohnungen oder auf Dachböden von Verstorbenen ohne Nachkommen gefunden; manches vor dem Altpapiercontainer gerettet. Vieles bringen auch Familienangehörige mit historischem Bewusstsein selbst vorbei. So wie die Briefsammlung aus dem KZ Theresienstadt, die ein 82jähriger Herr der Sammlung anvertraute - Nachrichten von seiner Großmutter an seine Mutter.

"Wenn man sich mit all diesen Schicksalen und Lebensläufen beschäftigt, dann entwickelt man natürlich einen Bezug zu diesen Menschen", sagt Saurer. "Man dringt in Dinge ein, die sehr persönlich sind - allerdings geht die Beschäftigung damit über die Neugierde hinaus, da man auf einer wissenschaftlichen Ebene anhand einer gewissen Problemstellung daran arbeitet."
Trotzdem stelle sich manchmal persönliche Betroffenheit ein, sagt Christa Hämmerle, die - derzeit in Karenz - die Sammlung auch in den Lehrbetrieb einbezieht: "Diese Betroffenheit ist wichtig und hat auch ihren Platz, aber man muss dann eine Frage dahinter und eine Distanz entwickeln, sonst bleibt es eine reine Gefühlssache."

"Die Frauen lebendig halten"

Dem Team ist es vor allem ein Anliegen, die Frauen mit der Sammlung lebendig zu halten: "Wenn uns alte Menschen ihre Erinnerungen vorbei bringen, dann ist das ein Zeichen, dass sie den Wunsch haben, dass etwas von ihnen bleibt; dass sie weiterleben - und das versuchen wir zu sichern."

Gesucht: Frauennachlässe

Für die Sammlung von Interesse ist privates Schriftgut von Frauen, aber auch von Paaren, Kindern und Verwandten, Freundinnen und Freunden der Frauen. Alle Dokumente werden sorgfältig geordnet, in einem Nachlassverzeichnis aufgelistet, durch biographische Angaben und/oder überlieferte Fotos ergänzt, archiviert und für die wissenschaftliche Benutzung zugänglich gemacht. Mit den ÜbergeberInnen der Nachlässe werden Verträge abgeschlossen, die Datenschutz gewährleisten und die Auswertung der Bestände regeln.

Von Isabella Lechner

Ansichtssache

LINK:
Sammlung Frauennachlässe
Wer in Kellern und auf Dachböden gesammeltes Schriftgut von Frauen entdeckt oder an der Erhaltung eines weiblichen Familien-Nachlasses Interesse hat, ist aufgerufen, sich zu melden - das Team der Sammlung freut sich jederzeit über neue Erinnerungsstücke.
KONTAKT:
Institut für Geschichte der Uni Wien,
Tel.: 01/4277-40 812 (Archiv -
Li Gerhalter, Ulli Seiss)
oder 01/4277-40 819 (Organisation -
Margareth Larzinger)
Fax: 01/4277-9408
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