Hoffnung allein ist zu wenig

3. Februar 2002, 19:50
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Auch die heimischen Intellektuellen erholen sich nur langsam vom Wende-Schock

Auch beliebte Spielchen werden zunehmend langweilig. Wenn dieser Tage etwa ein Intellektueller A und ein FP-Kulturdemagoge B vor der unmöglichen Aufgabe stehen, zu später Stunde im ORF komplexe politische Verhältnisse in zehn Minuten nicht zu erklären, sondern auszustreiten (weil da ist mehr los), entwickelt sich gerne folgender 08/15-Modell-Dialog:

A (feixend): "Die Lage in diesem Land und unter dieser Regierung ist unerträglich."

B (grinsend): "Das stimmt doch überhaupt nicht!"

A (zähnefletschend): "Aber ja doch! Und dagegen werden wir weiter ankämpfen."

B (mit wütender Besorgnis): "Dann sollten Sie aber den Schaden, den Sie und ihre linken Brüder anrichten, auch selber bezahlen!"

Worauf jetzt ein Moderator C fragen müsste, warum der Herr B für den Schaden, den er selbst fortwährend anrichtet, nicht ebenfalls selber bezahlen will, aber dafür reicht dann die Sendezeit nicht. Also weiter zum Wetter von morgen, zur nächsten Kurzkontroverse, zum nächsten plakativen Statement in News, dem nächsten entrüsteten Leserbrief in der Krone.

Noble Wünsche zweier Lager

Von einer Hoffnung auf eine Politisierung der heimischen Intellektuellen sprachen nach dem Antritt der Wenderegierung vor zwei Jahren nicht wenige eben dieser Intellektuellen. Von einer notwendigen Entparteipolitisierung sprachen hingegen die Protagonisten von Schwarz-Blau. Beide Lager, beim Vorantreiben ihrer noblen Wünsche wenig konstruktiv, hoffen weiter.

Für einen politisch wacheren Diskurs fehlt in Österreich weitgehend auch die mediale Vielfalt - was wiederum schon die Sozialdemokratie ebenso vorbereitet hat wie gewisse schlechte Manieren. Man erinnere sich nur an Thomas Bernhard, der unter dem Titel Vranitzky auch schon einen Finanzminister zur Ordnung rufen musste, weil der die politische Bühne "mit einem Laufsteg verwechselt" bzw. Kunst und Kultur über den Parameter "Der Bürger bezahlt das!" regulieren wollte.

Fiebertraum

Die parteipolitische Entflechtung wiederum, die bevorzugt freiheitliche anständige Österreicher so oft einforderten - sie scheint, wenn man etwa im Kulturbereich Neubesetzungen vakanter Führungsposten bedenkt, bestenfalls ein Fiebertraum gewesen zu sein. Jedenfalls ist das Klima zwischen Denkern und Machern in diesem Land unverändert schlecht, auch wenn die Donnerstagsdemonstranten weniger und die Leute, die den Kunststaatssekretär doch zu Eröffnungen einladen, mehr wurden.

Das Fürchterliche dabei ist: Eine Regierung, die sehenden Auges auf intellektuelle Denkanstöße verzichtet, begibt sich in Gefahr, historisch, sozial und politisch die Perspektiven zu verlieren. Oppositionelle wiederum, die permanent an immer grelleren Feindbild-Beschreibungen arbeiten anstatt an konstruktiven Gegenvorschlägen, verlieren um nichts weniger an notwendiger analytischer Schärfe. Robert Menasses nebulose, aber lautstarke Drohung eines künstlerischen Massenexodus, wenn sich die Sozialversicherung nicht ändere, fällt in diese Kategorie der neuen Flapsigkeit.

Argumentationsniveaus

Nicht selten ist - siehe zuletzt "Die Vögel im Volkstheater", wo man dann über eine kabarettistische Jagd- und Grillgesellschaft lachen sollte - das Niveau der Argumentation ärgerlich plakativ. Und dass all diese kläglichen Ausritte einhergehen mit Entwicklungen in der SPÖ, die in kulturellen Fragen scheinbar keine Zukunftsperspektive entwickelt, und bei den Grünen, die oft Learning by Doing praktizieren, verstärkt nur die allgemeine Ratlosigkeit. Es fehlt fundamental an überlegter Argumentation.

Es ist wie bei jenen Demonstranten, die im Mai 2000 den Wiener Ausländer Raus-Container von Christoph Schlingensief stürmten, plötzlich aber nicht mehr wussten, ob sie hier wirklich einen Befreiungsakt setzten. Am nächsten Tag ging alles weiter wie bisher. Aber vielleicht vermeldet Moderator C demnächst doch in der "ZiB 3": "Das Studiogespräch entfällt. Herr A und Herr B haben abgesagt. Sie denken gerade nach."

Kommentar von Claus Philipp
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