Sudetendeutsche und FPÖ: Die falschen Anwälte

4. Februar 2002, 13:01
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Eine Kolumne von Barbara Coudenhouve-Kalergi

Jörg Haider sitzt in seinem arisierten Bärental, dessen rechtmäßige Besitzer vertrieben wurden, und belehrt uns über die Leiden der vertriebenen Sudetendeutschen. Peter Westenthaler ist sogar persönlich "betroffen": Er hat eine sudetendeutsche Großmutter. Legitimation genug für eine neue Hass-und Veto-Offensive gegen die Tschechen, die je nach Bedarf hochgefahren oder zurückgenommen werden kann.

Ich kann da auch ein Wörtchen mitreden. Ich habe die antideutschen Ausschreitungen im Mai 1945 in Prag selber miterlebt. Ich bin mit meinen Eltern und Geschwistern damals aus dem Haus geholt und mit den anderen Deutschen unseres Viertels in einer Straßenbahnremise eingesperrt worden. Draußen stand eine wütende Menschenmenge und schrie: Wir zünden die Bude an. Manchmal wurden schlimm zugerichtete Leute hereingetragen. Zu essen gab es nichts. Als es nach einigen Tagen hieß, wer wolle, könne mit den abziehenden deutschen Truppen die Stadt verlassen, gingen wir mit, zu Fuß und ohne Gepäck. Viehwaggons wären eine Wohltat gewesen. Unser Fußmarsch ging über neunzig Kilometer, bis wir endlich die anrückenden US-Truppen erreichten. Wir waren froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.

Ja, damals ist Unrecht geschehen. Ja, viele Unschuldige kamen in jenen Tagen und Wochen ums Leben, wurden gedemütigt und ausgeraubt. Ja, die tschechische Öffentlichkeit beginnt erst jetzt, sich dieser Ereignisse richtig bewusst zu werden. Es ist so ähnlich wie bei uns nach der Naziepoche: Vergangenheitsbewältigung braucht ihre Zeit. Meistens ist es erst die nächste Generation, die Fragen stellt und die Wahrheit wissen will.

Und was folgt daraus? Zunächst einmal, dass die Aufarbeitung jener Ereignisse vor allem eine Sache der Tschechen ist. Dieser Prozess ist auch bereits im Gange. Aber Druck von außen, womöglich noch verbunden mit Veto-Drohungen, ist das Allerletzte, was diesen Nachdenkprozess fördern kann. Schon gar nicht, wenn er von denen kommt, die die ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich und die Anständigkeit von SS-Leuten preisen.

Das Schicksal der Sudetendeutschen war übrigens nicht nur in Tschechien, sondern auch in Österreich jahrzehntelang kein Thema. Wenn jetzt plötzlich in der Öffentlichkeit darüber gesprochen wird, ist das nicht schlecht, nur sollte dabei möglichst auf die historische Wahrheit geachtet werden. Dazu gehört, dass, wer von der Vertreibung spricht, auch von der Vorgeschichte sprechen muss. Wer Aussig sagt, muss auch Lidice sagen. Und auch die Dimensionen der Ereignisse sollten korrekt geschildert werden. In unseren Medien, auch im ORF, spukt noch immer die Zahl 200.000 oder sogar 300.000 Tote herum, die von den Sudetendeutschen Landsmannschaften unmittelbar nach dem Krieg genannt wurde. Deutsche und tschechische Historiker sind aber mittlerweile zu dem sorgfältig erarbeiteten Schluss gekommen, dass es wohl "nur" um die 40.000 waren.

Eine gemeinsame österreichisch-tschechische Erklärung wird wohl eines Tages kommen. Aber eine antitschechische Kampagne am Vorabend der EU-Erweiterung brauchen wir jedenfalls so nötig wie ein Loch im Kopf. Ebenso nötig brauchen die Vertriebenen ausgerechnet Jörg Haider als ihren Anwalt. Ich habe es, so wie Tausende meiner ehemaligen Landsleute, gründlich satt, von der FPÖ instrumentalisiert zu werden. Wenn die Freiheitlichen den Vertriebenen einen Dienst erweisen wollen, dann wäre es dieser: mindestens ein Jahr lang zu diesem Thema den Mund halten. (DER STANDARD, Print, 4.2.2002)

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