Krisenfall Nato

4. Februar 2002, 02:27
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Über die Meinungs- verschiedenheiten, die der Antiterrorkrieg ausgelöst hat - von Markus Bernath

Nine/Eleven" hat auch der Nato eine Breitseite verpasst. Fünf Monate nach dem Terrorschlag vom 11. 9. gegen das World Trade Center und das US-Verteidigungsministerium stellen Europäer und Amerikaner einen Kollateralschaden in eigener Sache fest: Die Verbündeten in der Atlantischen Allianz sprechen nicht mehr dieselbe Sprache, bohrender Selbstzweifel hat sich breit gemacht. Die Risse in der Allianz lassen sich an oberflächlichen Zeichen ablesen. Am lächerlich kleinen Beitrag etwa, den die Nato als Verteidigungsorganisation für die Operation "Enduring freedom" leisten darf - ein halbes Dutzend Awacs-Flugzeuge der europäischen Nato-Staaten patrouilliert den Luftraum der Vereinigten Staaten, weil die US-Armee ihre Kapazitäten für anspruchsvollere Aufgaben aufspart. Die Formel in der Allianz lautet heute 19 minus 1, als Handlanger fühlen sich Kanada und die europäischen Nato-Staaten statt als ernst genommene Verbündete.

Die "flexiblen Koalitionen", die Washington beim weltweiten Feldzug gegen den Terrorismus anstrebt, haben vielmehr dem Bilateralismus zu neuer Blüte verholfen: Britische Offiziere genießen das Privileg, den Sitz des US-Central Command in Tampa betreten zu dürfen; Frankreich, immerhin größte Atommacht in Europa, ist nicht in der militärischen Integration der Nato; die deutsche Regierung wiederum sagte im Alleingang Kontingente zu, um die sie wahrscheinlich nie gebeten worden war, und nahm dabei noch den Mund zu voll. Anstatt die Verbündeten tatsächlich aneinander zu binden, hat der 11. September zentrifugale Kräfte in der Allianz freigesetzt. Die Bewusstseinslage im Bündnis ist entsprechend unterschiedlich geworden. Die USA stehen bereits im sechsten Kriegsmonat, die Europäer mühen sich noch mit der Finanzierung einer gemeinsamen Militärtransportmaschine - ein wesentliches Stück ihrer virtuellen Eingreiftruppe. Zweifel an der europäischen Verteidigungspolitik, an die US-Politiker ohnehin nie glaubten, kommen nun selbst bei den Initiatoren auf. Die Struktur dieser Politik scheint überholt, noch bevor sie überhaupt aktiv geworden ist.

Am schwersten wiegen die grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten, die der Antiterrorkrieg ausgelöst hat. Der "neue Internationalismus" der USA (der "alte" führte zu Amerikas Eintritt in die beiden Weltkriege) lässt die Europäer ratlos. In ihren Ohren klingt er nach Interventionismus und macht die zwei strategischen Grundfragen der nächsten Jahre - Rivalität China - USA und Einbindung Russlands in Europa - nur komplizierter. Weder Peking noch Moskau werden eine langfristige und ausgeweitete Militärpräsenz der USA in Südost- oder Zentralasien dulden. Die Nato steht diesen Schauplätzen des Antiterrokriegs nicht nur geographisch fern, die Erweiterung der Allianz um bald sieben Staaten, die beim Prager Gipfel im Herbst ansteht, stürzt sie nun auch in eine Identitätskrise: Wozu neue Mitglieder, wenn das Bündnis in dem in den nächsten Jahren wichtigsten Feldzug keine Rolle übernehmen kann? (DER STANDARD, Print, 3.2.2002)

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