Verfolgt ein einziges Ziel beim Investieren - Profit: Guy Wyser-Pratte

3. Februar 2002, 18:45
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Ein Hüne, der das Fürchten lehrt

Der seit dem Herbst des Vorjahres amtierende neue AUA-Vorstand hat es wahrlich nicht leicht. Zuerst kam der 11. September, der der ohnehin schwachen Luftfahrtindustrie erneut einen kräftigen Dämpfer versetzte, dann die Verhandlungen mit der Belegschaft über Lohnkürzung angesichts der hohen Verluste und nun er.

Guy Wyser-Pratte, der als Vorstandskiller und Aktienspekulant verschriene US-Investor, hat sich mit vorerst fünf Prozent bei der Austrian-Airlines-Gruppe eingekauft. Wyser-Pratte geht davon aus, dass die AUA à la longue von einer großen Airline geschluckt wird und er seine Aktien dann mit einem saftigen Gewinn abgeben kann.

Management das Leben zur Hölle machen

Bis dahin kann er dem Management das Leben zur Hölle machen, sollte es ihm gelingen, andere Aktionäre für seine Anliegen zu begeistern. Denn für ihn zählt nur eines: der Sharholder-Value, wie er offen zugibt. Wyser-Prattes Strategie ist es, Minderheitsbeteiligungen an Unternehmen (bis zu zehn Prozent) zu erwerben und dann für Unruhe im Unternehmen zu sorgen. Dann drängt er das Management, wenn es sein muss, auch den Mehrheitsaktionär, zu einer anderen Unternehmenspolitik, oft auch zum Verkauf von Teilen der Firma. Und dann, nach ein paar Monaten, steigt er wieder aus - bei deutlich höherem Kurs.

So geschehen in Deutschland: Seinen ersten Beutezug in Deutschland machte er im Jahr 2000, als er sieben Prozent des Elektronik- und Rüstungskonzerns Rheinmetall (ein Unternehmenskonglomerat alten Stils) aufkaufte. Die Gründerfamilie Röchling war an seinem Plan, das Unternehmen aufzuteilen, aber nicht interessiert und kaufte ihn aus dem Unternehmen aus. In den zwölf Monaten, in denen Wyser-Pratte die Aktien hielt, hat sich deren Preis mehr als verdoppelt. Vor etwa drei Wochen kaufte er sich mit fünf Prozent beim Industriekonzern Babcock ein, seither fürchten die Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze. Kritiker werfen ihm daher nicht zu Unrecht vor, seine Eingriffe seien zu kurzfristig angelegt, nur auf den schnellen Gewinn bedacht und sie vernachlässigten die traditionellen Werte und Strukturen gewachsener Unternehmen. Neokapitalisten werden solche Leute wenig schmeichelhaft genannt.

Wyser-Prattes Mutter war Österreicherin, die nach dem Ersten Weltkrieg nach Frankreich ging. Dort lernte sie seinen späteren Vater kennen. Von Paris floh die Familie im Zweiten Weltkrieg nach Vichy, wo Guy 1940 zur Welt kam. 1947 zog die Familie in die USA. Mit 22 schloss er sich dem US Marine Corps an, wo er zwischen 1962 bis 1966 diente und im Rang eines Captains ausschied. Der zwei Meter große Wyser-Pratte lebt mit seiner Frau Vivien in New York. Sie haben drei Kinder und drei Enkel. (Claudia Ruff, Der Standard, Printausgabe, 04.02.2002)

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    foto: zeitung
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