Fragen, Freuden, Frust des Festspiels

3. Februar 2002, 20:33
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Gardiner, Levin, Brendel, Kremer, Kavakos

von STANDARD-Mitarbeiter Peter Cossé

Salzburg - In Mozarts Klavierkonzert KV 503 (siehe STANDARD vom 28. Jänner) hätte Alfred Brendel zu viel Pedal genommen - und überhaupt: er sei nicht mehr der Alte. So der spätabendliche Kommentar einer noch älteren, seit Jahrzehnten am Schönen, Wahren und Guten, vor allem aber auch am Neuen interessierten Dame aus dem Norden Deutschlands.

Die kritische Bemerkung veranlasst den beruflich auf Musik und Musiker Reagierenden zu gewissensbissigen Überlegungen. Hat er Brendels linken Fuß überhört, hat er Brendels geradezu ausgelassene Zufriedenheit nach dem betreffenden Auftritt mit Simon Rattle missdeutet? Nein! Die Mozartwoche mit ihren langjährigen Kundschaften - gemeint sind Publikum und Künstler -, mit ihren Repertoire-Doubletten und mit ihrem engagierten Trend ins Heutige - sie erzwingt geradezu gegenteilige Auffassungen.

Aufgewärmte Schnittke-Provokation

Was dem einen also die Pedalisierung Brendels, das ist dem anderen die Misslichkeit einer nun schon etwas abgehalfterten Schnittke-Provokation, wie sie Gidon Kremer mit seinem baltischen Orchester wieder einmal aufzuwärmen versuchte. Im Violinkonzert KV 211 bewies die Kremerata Baltica erneut, dass sie mit einer Camerata Salzburg, so wie sie kurz zuvor unter der freundlich-unmissverständlichen Leitung des Geigers Leonidas Kavakos zu begeistern vermochte, nicht wirklich zu konkurrieren vermag.

Gidon Kremer ist es, der das wahre Spiel macht und dadurch auch den Markt für sein Ensemble aufbereitet. Unter seiner treibenden, gedanklich und emotional fordernden Führung gerät denn auch seine Orchesterfassung des Schubertschen Streichquintetts (D 956) zur schönen Unbotmäßigkeit.

Eingelöste Mozartwochen-Versprechen

Kremer spielte im frühen D-Dur-Konzert Kadenzen jenes stilgewitzten Robert Levins, der am nächsten Abend mit den Wiener Philharmonikern auf ganz freie, einfallsmutige Weise Mozarts c-Moll-Klavierkonzert geben sollte. Dirigentisch abgefedert von Sir Eliot Gardiner, dem die Mozartianer auch eine neuerliche Begegnung mit dem Spanier Arriaga verdankten. Bemerkenswert dessen D-Dur-Sinfonie, deren vier Sätze aufs Beste das alte Mozartwochen-Versprechen einlösten, Mozarts ästhetisches Umfeld auszukundschaften.

Zurück zur alten Dame und den Brendelschen Pedalproblemen. Nach dem Kammerkonzert mit Brendel und seinen quasifamiliären Partnern (Sohn Adrian spielt das Cello) war von solchen Einschränkungen keine Rede mehr. Zwei Klavierquartette (KV 478 und KV 493), sowie in Wohnzimmerbesetzung das A-Dur-Klavierkonzert - in Österreich bereits landauf, landab geboten - waren nun mit einem Mal zart pedalisiert geboten worden. Kammermusik sozusagen als Aussöhnung und Zerstreuung vortägigen Frustes!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.02. 2002)

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