Favoriten und Überraschungssieger

4. Februar 2002, 16:20
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Die olympischen Rennen waren immer eine schöne Kulisse für alpine Außenseiter

Wolfgang Weisgram

Wien - Olympia ist - so ausgefuchst können die einschlägigen Beschwörungsformeln über die rennmäßige Normalität gar nicht sein -, Olympia ist das Außergewöhnliche im Alltag am Berg. Nicht nur, dass die Teilnehmerzahl strikt limitiert ist, was beim alpinen Skilauf von den Österreichern stets so lauthals beklagt wird ob der Verzerrung der wahren Verhältnisse, dass dabei komischerweise übersehen wird, dass die Änderung dieses Modus Österreich von den meisten anderen olympischen Disziplinen ausschließen würde.

Es gibt, damit wohl zusammenhängend, tatsächlich eine lange, erstaunliche Tradition der olympischen Überraschungen, gerade im alpinen Skilauf. Vom Spanier Franciso Fernandez Ochoa, der 1972 in Sapporo vor den beiden Thöni-Brüdern Slalomgold geholt hatte, über Leonhard Stock, der sich acht Jahre später mit allergrößter Not ins Abfahrtsteam von Lake Placid qualifiziert hat, um ebendort Gold zu holen, bis hin zum unvergesslichen Bill Johnson, der 1984 in Sarajewo der Abfahrtselite um die Ohren gefahren war, obwohl die zuvor festgestellt hatte, dieser Ami könne gar nicht Ski fahren, nur gleiten, weshalb er kurz vor Olympia noch den Klassiker in Wengen für sich entschied.

Bill Johnson ist auch ein gutes Beispiel für den hierzulande als durchaus typisch empfundenen Umgang der US-Amerikaner mit Olympia. Es scheint, dass Olympiajahre stets auch Mobilisierungsjahre für die Amerikaner sind. Jahre, in denen jene unbenennbaren inneren Schaltkreise aktiviert werden, die dafür sorgen, dass es laaft, wenn's laaft.

Unbekümmert

Bode Miller heißt heuer dieser Typ US-amerikanischer Unbekümmertheit. Im Vorjahr bei der WM in St. Anton hat er großmäulig davon geredet, dass es nun an der Zeit sei, Gold zu holen. Und dass er fest entschlossen sei, das auch zu tun. Heuer hat sich sein bedenkenloses Selbstvertrauen in eine veritable Siegesserie gewandelt, wodurch es nicht mehr nach Selbstüberschätzung klingt. Sondern nach jener Favoritenrolle, die nirgends so hingetimet werden kann wie in den USA.

Der andere hohe Favorit heißt Stephan Eberharter, der den Bode Miller im Riesentorlauf treffen wird. Und dieser Stephan Eberharter ist auch ein ganz gutes Beispiel für die Fährnisse von Überraschungssiegern. Doppelweltmeister wurde er 1991 in Saalbach, um danach sang-und klanglos im Loch der verlorenen Form zu verschwinden. Gereift durch den mühsamen Weg zurück und beflügelt von Hermann Maiers Ausfall hat er sich heuer zum Goldfavoriten in drei Disziplinen stilisiert. Unschlagbar geradezu.

Aber Unschlagbarkeit ist, wie der Blick auf die Siegerlisten zeigt, keine olympische Kategorie.

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    Bill Johnson, Olympiasieger in der Abfahrt 1984

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