Preiskampf im Lebensmittelhandel

3. Februar 2002, 18:56
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Trendforscher: Deutsche Eigentümer des heimischen Handels werden im Kampf um Marktanteile aggressive Preisen auch nach Österreich bringen

Dem heimischen Lebensmittelhandel stehen Preiskämpfe wie in Deutschland noch bevor. Diese Prognose gaben die Handelsexperten Ernst Beinstein und Rudolf Maurer, Autoren der Studie "Zukunft des Handels" (im Verlag von Zukunftsforscher Matthias Horx), im STANDARD-Gespräch ab.

Der Ausgangspunkt der Voraussage: Ein Großteil des heimischen Lebensmitteleinzelhandels steht in deutscher Hand - Billa-Merkur/Rewe, Zielpunkt/Tengelmann, Adeg/ Edeka, Hofer/Aldi, Lidl -, nur Spar und Tiroler M-Preis-Märkte sind in österreichischem Besitz. Deswegen werde die deutsche Strategie, Wettbewerb über harten Preiswettbewerb zu führen, auch hier verstärkt Einzug halten: "In den Konzernzentralen duldet man keinen eigenen österreichischen Weg", ist Maurer, der mit Beinstein den Billa-Merkur-Konzern berät, überzeugt.

Der Preiskampf zu Beginn der Euroeinführung sei nur der erste Vorbote. Hier sind die Diskonter - Hofer/Aldi und Lidl - vorgeprescht und radikal auf die jeweils niedrigere Neun-Cent-Schwelle runtergefahren. Marktbeobachter schätzen das Ausmaß der Reduktion auf zwei bis drei Prozent, ein großer Schritt für den knapp kalkulierenden Handel. Dazu kommt, dass die Euroeinführung dem Handel keine zusätzlichen Umsätze, sondern nur Kosten bescherte.

Dadurch steigt der Druck auf die Industrie, die Eurokosten des Handels zu schlucken. Viele Handelsfirmen drängen jetzt auf bessere Konditionen. "Starke Markenfirmen halten dem Druck stand, schwache geben nach, und der ,Verlust der Mitte' schreitet in der Branche voran", klagt das Handelsfachmagazin Key Account deswegen auch dieser Tage. Dieser Verlust der mittleren Angebote wird auch von Beinstein & Maurer konstatiert: "Die Mitte, die für nichts steht, ist todgeweiht."

Für die Kunden brechen also gute Zeiten an, da die Waren tendenziell billiger werden? Beinstein: "Nur kurzfristig. Dem Handel gehen die Margen ab. Da werden Millionen für Preisaktionen verblasen, die auch besser investiert werden könnten - in den Service am Stammkunden nämlich." Der Handel sollte mehr auf die Vermittlung von Wissen als auf den reinen Verkauf von Waren setzen. Beinstein nennt als Beispiel Touchscreen-Terminals im Geschäft, die "die wichtigste Frage" der Hausfrauen/-männer beantworten helfen: "Was koche ich heute?"

Als Gegentrend zum Ab- sterben der alten Mittelmäßigkeit sehen Maurer & Beinstein weniger neue Oberklasse-Anbieter (was mit Meinl am Graben und gehobenen Angeboten der Ketten hinreichend besetzt sei), sondern einen anderen Gegentrend: "Die neue Einfachheit", ein "Zufluchtsort für verunsicherte und überforderte Konsumenten". Dort sollen "Dinge, die der Mensch wirklich braucht, perfekt abgewickelt" werden.(Leo Szemeliker, Der Standard, Printausgabe, 04.02.2002)

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