"Enron könnte auch in Europa passieren"

3. Februar 2002, 18:29
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Der Experte für internationale Rechnungslegung, Alfred Wagenhofer, im Gespräch

Seit dem Bankrott des weltgrößten Strom- und Gashändlers Enron haben Investoren und Anleger Angst vor "unsauberen Bilanzpraktiken" der US-Unternehmen. Die Enron-Pleite hat jedenfalls das Bilanzierungssystem der USA, US GAAP, das bis dato als das effizienteste und transparenteste auf dem weltgrößten Kapitalmarkt gepriesen wurde, in Verruf gebracht. Denn via Gründung Hunderter Tochterfirmen wurden Kredite und Verluste verschleiert.

Gleichzeitig wurden in Europa, das sich nach dem IAS-Standard für Unternehmensbilanzen orientiert, Stimmen laut, wonach Enron hier nicht geschehen hätte können. Alfred Wagenhofer, Vorstand des Instituts für Controlling und Unternehmensführung an der Uni Graz, spezialisiert auf internationale Rechnungslegung, sieht nun eine Annäherung zwischen den Regeln des alten Kontinentes und der USA.

STANDARD: Nach den jüngsten Pleiten, vor allem von Enron, ist das amerikanische Selbstbewusstsein arg ramponiert, die Europäer, die ihren Unternehmen ab 2005 die IAS-Standards vorschreiben, behaupten, das wäre bei uns nie passiert . . .


Wagenhofer: So was kann überall passieren. In Österreich würde ich das über Stiftungen machen, Anreize bietet jedes System. Das Problem der Amerikaner ist aber der Kochbuchcharakter der Standards, die detaillierte Vorschriften für alles und jedes enthalten. Das lädt natürlich verstärkt zur Bilanzpolitik ein. Als Wirtschaftsprüfer wäre ich natürlich froh über so punktgenaue Regelungen.

STANDARD: Weil es mögliche Klagen berechenbarer macht?


Wagenhofer: Ja, das liegt am Klagssystem der USA. Es mussten ja so genannte "safe harbor rules" (sicherer Hafen, Anm. d. Red) eingeführt werden, sonst hätte kein Unternehmen wegen sofort möglicher Sammelklagen bei Nichterreichen mehr irgendwelche Ziele genannt, oder es wären Börsengänge aufgrund der hohen Versicherungssummen gegen solche Klagen unmöglich geworden.


STANDARD: Eine Frage der Rechtsgeschichte und der Mentalität?


Wagenhofer: Ja, schauen Sie nur auf Leasing, wofür es im US GAAP 20 Standards gibt, oder auf Forschung & Entwicklung, die können im US GAAP etwa nicht aktiviert werden, im IAS schon. Insgesamt glaube ich, dass US GAAP in vielen Bereichen überreguliert sind.

STANDARD: In Europa fehlt ja eine einheitliche Börsenaufsicht, die auch mit Exekutivgewalt ausgestattet ist.


Wagenhofer: Ja, und beim Durchsetzen einer hochwertigen Rechnungslegung hat Europa Nachholbedarf.


STANDARD: Was bedeutet das für die internationalen Bilanzierungsvorschriften?


Wagenhofer: Der derzeitige Diskussionsstand deutet auch auf eine künftige Konvergenz der beiden Standards IAS und US GAAP hin, Enron ist ein plakatives Argument für die Zulassung des europäischen Standards an den US-Märkten. Die Amerikaner kommen drauf, dass in Europa auch etwas läuft.

Die Angst vor Bilanzmanipulationen ist eine der Folgen der Enron-Pleite in den USA. Karin Bauer hat den Experten für internationale Rechnungslegung, Alfred Wagenhofer, zur Bilanzpolitik der Unternehmen in Europa und in den USA befragt. Link zum Thema
www.accountineducation.com

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