Österreich wird lukrativ vermietet

4. Februar 2002, 15:47
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Für die öffentliche Hand sprudelt eine neue Geldquelle: das "Cross Border Leasing"

WienÖsterreich hat gemeinsam mit amerikanischen Unternehmen ein neues Biotop entdeckt: das stille Geschäft.

Beide Seiten verdienen durch Verpachtung und Vermietung heimischer Güter Milliarden. Sichtbar wird von diesen Deals nichts. Die Österreicher machen dabei aber satten Gewinn, während sich die Amerikaner gewaltige Steuerleistungen ersparen.

Möglich werden diese Geschäfte durch riesige Steuerschlupflöcher zwischen Österreich und den USA. Das Zauberwort für die Geldquelle heißt "Cross Border Leasing" (grenzüberschreitendes Leasing). Wie unter Freunden

Dabei verleast ein heimischer Leasinggeber seine Kraftwerke, Leitungsnetze oder Straßenbahnen an US-Investoren. Diese schreiben die Leasingraten als Betriebsausgaben ab, mindern daher ihren Gewinn und sparen so Steuern. Der heimische Leasinggeber verbucht die Einnahmen als Ertrag und hat somit einen bilanzwirksamen Barwertvorteil. Im Unterschied zum "Sale & Lease Back" (verkaufen und zurückleasen) bleibt das Eigentum in Österreich. Der Gewinn aufseiten des Leasinggebers liegt bei mindestens fünf Prozent des verleasten Gutes und schönt so auf wunderbare Weise die Bilanz.

Die Volumen dieser Deals sind beträchtlich: Die Tiroler Tiwag etwa hat ihre Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz um 1,5 Mrd. Dollar (1,65 Mrd. Euro/22,7 Mrd. S) verleast. Abgewickelt hat den Deal die Spezialbank Kommunalkredit. Deren Chef, Reinhard Platzer, sieht Österreich freudig "erst am Anfang" solcher Geschäfte und will sich dabei als Marktführer positionieren.

Bis jetzt hat er neben Tiwag auch aus dem Stromnetz der Bewag (525 Mio. Dollar Gesamtvolumen) und aus den Straßenbahnen der Wiener Linien (140 Mio. Dollar Gesamtvolumen) zusätzliches Geld geholt.

Insgesamt sind im vergangenen Jahr US-Leasingdeals im Volumen von vier Mrd. Dollar (4,64 Mrd. Euro) abgeschlossen worden, erklärt Platzer. Winfried Schwarz, Leasingexperte in der Anwaltskanzlei Dorda, Brugger und Jordis, assistiert: "Es werden Steuerinkongruenzen genützt, das geht gut in Österreich".

Noch viel zu holen

Via Steuereffekt ergebe sich eine Kapitalrendite von 20 Prozent, rechnet Schwarz vor, dass es sich lohnt. Und: Das Potenzial in Österreich sei noch groß. Damit sich der enorme juristische Aufwand lohne, müsse das Mindestvolumen eines solchen Handels wenigstens 150 Mio. Dollar betragen.

Von 20 Strom- und Gasnetzen etwa seien erst vier verleast, auch beim Verbund und seinem Hochspannungsnetz sieht Schwarz ebenso US-Interesse wie bei Kläranlagen. Ganz zu schweigen von anderen Infrastruktureinrichtungen wie Autobahnen.

Österreich sei mit seinem Triple A-Rating interessant für US-Investoren auf der Suche nach Cross Boarder Leasing. Die Niederlande seien praktisch "schon ganz verleast", in Deutschland sei die steuerliche Situation für dortige Unternehmen nicht so günstig, weil sie den Barwertvorteil im ersten Jahr versteuern müssen, diese Geschäfte daher weniger attraktiv sind. Abgeschlossen werden die Verträge meist auf 60 Jahre, sagt Schwarz, aufgelöst jedoch überwiegend zur Hälfte der Laufzeit.

Dass öffentliche Körperschaften profitieren werden, liegt aufgrund der Besitzverhältnisse der verleasbaren Güter auf der Hand.

Die Länder haben ihren Entschuldungsweg auch auf anderen Pfaden gemeinsam mit der Kommunalkredit beschritten: Kärnten und Niederösterreich etwa haben ihr ihre Wohnbaudarlehen übertragen. Oberösterreich plant derzeit den Verkauf von zwei Milliarden Euro Wohnbaudarlehen.

"Rund zehn Milliarden Euro", schätzt Reinhard Platzer, könnten zusammen noch offeriert werden. Die Kommunalkredit will bei den kommenden Wohnbaudeals federführend mittun. (Karin Bauer, Der Standard, Printausgabe, 04.02.2002)

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