Das Phänomen Intersexualität

3. Februar 2002, 19:00
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Eines von 2.000 Neugeborenen hat kein exakt bestimmbares Geschlecht

Lübeck - Das Phänomen ist wenig bekannt, doch keineswegs eine Seltenheit: Bei einer/m von 2.000 Neugeborenen lässt sich das Geschlecht nicht genau bestimmen. MedizinerInnen nennen dies Intersexualität. Oft werden die Kinder sehr früh operiert, um aus ihnen ein Mädchen oder einen Buben zu machen. An der Medizinischen Universität Lübeck beschäftigen sich WissenschafterInnen seit zehn Jahren intensiv mit Intersexualität. In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 1,5 Millionen Euro (20,6 Mill. S) geförderten Projekt sollen jetzt Ursachen und Folgen exakter erkundet werden.

Menschen wie du und ich

"Intersexualität hat nichts mit Homo- oder Transsexualität zu tun", betont Projektleiter Olaf Hiort. Transsexuelle seien biologisch eindeutig Mann oder Frau, bei ihnen sei jedoch die Geschlechtsidentität gestört. "Intersexuelle dagegen haben eine echte biologische Auffälligkeit. Ansonsten sind sie Menschen wie du und ich. Sie fallen nicht als schrille Vögel auf, sondern versuchen, ein normales Leben zu führen", erklärt Hiort. Besonders problematisch seien bei ihnen jedoch sexuelles Erleben, PartnerInnenschaft und Kinderwunsch.

Über die Entstehung solcher Abweichungen von der normalen Entwicklung zu Mann oder Frau weiß die Wissenschaft bisher folgendes: Bei der Befruchtung wird zwar das Kerngeschlecht festgelegt - zwei X-Chromosomen stehen für weiblich, ein X- und ein Y-Chromosomen für männlich. Doch in den ersten sechs Wochen tragen alle Feten die Anlagen für beide Geschlechter in sich. Erst danach reiften entweder Eierstöcke oder Hoden heran, die wiederum geschlechtsspezifische Hormone bildeten und so die Entwicklung zum Mädchen oder Buben steuerten, erläutern die MedizinerInnen.

Grundlagen der Geschlechtsentwicklung

Nach ihren Angaben ist inzwischen eine Vielzahl von "Störungen" bekannt, die diesen "normalen" Ablauf beeinträchtigen. Besonders häufig komme die so genannte Androgenresistenz vor. "In diesen Fällen handelt es sich genetisch um ein männliches Individuum, das im Mutterleib auch embryonale Hoden bildet, die männliche Geschlechtshormone ausschütten", erklärt Hiort. Die Hormone jedoch würden von den Körperzellen blockiert und blieben daher wirkungslos. In der Folge entwickelten sich äußerlich weibliche Kinder, bei denen im Bauchraum aber keine Eierstöcke, sondern haselnusskleine Hoden angelegt seien.

Die Lübecker WissenschafterInnen wollen nun die biologischen Grundlagen der "normalen" und der "abweichenden" Geschlechtsentwicklung genauer untersuchen. "Für Jugendliche und Erwachsene ist es wichtig, die Ursachen für ihre Andersartigkeit zu kennen und die medizinischen Abläufe zu verstehen", betont die Forscherin Ute Thyen. Denn oft seien erwachsene Menschen mit Intersexualität wegen ihrer Vergangenheit sehr über die eigene Identität verunsichert.

Häufiger zu Mädchen operiert

Bis vor wenigen Jahren sei es noch üblich gewesen, betroffenen Kindern so wenig wie möglich über sich zu erzählen: "Eine korrigierende Operation, bei der das Geschlecht durch Chirurgenhände festgelegt wurde, wurde so früh wie möglich durchgeführt, damit die Kinder sich später nicht mehr an den Eingriff erinnerten", berichtet Thyen. Doch dabei werde ignoriert, dass die Betroffenen ständig mit dem Gefühl leben müssten, ihnen werde etwas verheimlicht. Zudem würden sie mit der Operation in eine Geschlechterrolle gedrängt, die ihnen später zum Teil zur Last werde.

Nach Angaben der ExpertInnen werden Säuglinge bei Intersexualität wesentlich häufiger zu Mädchen operiert, da sich damit kosmetisch und funktionell bessere Ergebnisse erzielen lassen. "Ob das auf Grund der hormonellen Situation jedoch immer die richtige Entscheidung ist, lässt sich bezweifeln", betont Thyen. Denn bei vielen zu Mädchen operierten Intersexuellen werde später der Wunsch laut, künftig als Junge zu leben und sich wieder operieren zu lassen. Einige Betroffene forderten daher, chirurgische Eingriffe so lange zu verbieten, bis klar sei, ob sich die/der Betroffene in Richtung Junge oder Mädchen entwickle.

Jeder Fall sehr individuell und persönlich

An der Medizinischen Universität in Lübeck wurden bisher mehr als 1.200 Betroffene oder deren Angehörige untersucht, beraten oder behandelt. Jeder Fall sei sehr individuell und persönlich, und in jedem Fall müsse nach einer maßgeschneiderten Lösung gesucht werden. Neben den verschiedenen Möglichkeiten einer Operation an den inneren und äußeren Geschlechtsorganen sei auch eine rein hormonelle Behandlung denkbar, betont Thyen: "Und oft reicht es aus, die PatientInnen über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Vielen hilft es schon, wenn wir ihnen sagen können, dass sie nicht allein sind mit ihrem Problem, dass es andere Betroffene gibt." (APA)

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