Beunruhigt Baldrian mit Nebenwirkungen?

3. Februar 2002, 16:00
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Expertenstreit um "Suchtgefahr"

München - Über die möglichen Nebenwirkungen von Baldrian ist ein Expertenstreit entbrannt. Das Komitee Forschung Naturmedizin wies in München Warnungen vor einer Suchtgefahr als falsch und irreführend zurück. "Nach allen bisher vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen sind bei dem bewährten pflanzlichen Arzneimittel keine Abhängigkeit und keine Entzugserscheinungen zu befürchten", erklärte das Komitee. Die Naturmedizin-Experten widersprachen damit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.

Pro

Nach deren Überzeugung besteht eine Suchtgefahr vor allem bei Angstpatienten, die über einen längeren Zeitraum Baldrian in hohen Dosen einnehmen. Manche Patienten nähmen bis zu 200 Baldrianperlen am Tag. Wenn dieses Arzneimittel dann abgesetzt werde, könne es zu ernsten Entzugserscheinungen kommen. Die Patienten litten unter starker Unruhe, Schwindelanfällen, Schweißausbrüchen, erhöhtem Blutdruck und Herzrhythmusstörungen. Sogar Orientierungsverlust bis hin zum so genannten Delirium tremens könne die Folge sein.

Contra

Die Naturmediziner erklärten dagegen unter Berufung auf klinische Studien, der Baldrianextrakt habe nicht nur eine hohe therapeutische Wirksamkeit bei Einschlafstörungen, innerer Unruhe und Nervosität, sondern sei auch eine praktisch nebenwirkungsfreie Alternative zu synthetischen Präparaten. Das Komitee verwies auf eine Stellungnahme des Ravensburger Psychiatrie-Professors Volker Faust, der davor warnte, Entzugserscheinungen mit "Absetzerscheinungen" zu verwechseln.

"Absetzerscheinungen haben mit einer Sucht nicht zu tun", betonte Faust. Sie kämen auch bei nicht süchtig machenden Stoffen vor und seien nur der Hinweis darauf, dass der Organismus auf das plötzliche Fehlen einer Substanz irritiert reagiere. Allerdings warnte auch Faust vor einem Baldrian-Missbrauch und riet speziell bei Angststörungen, auf eine Selbstbehandlung zu verzichten und einen Arzt aufzusuchen.

Boom

Nach Angaben der Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde steigt nicht nur die Zahl der rezeptfrei gekauften Baldriantabletten, -tees und -tropfen stetig, sondern solche Präparate werden auch immer häufiger von Ärzten verordnet. Die beruhigenden Substanzen des Baldrians sind ätherische Öle und der Wirkstoff Valepotriat. Wie das pflanzliche Heilmittel im einzelnen auf das Nervensystem wirkt, ist den Psychiatern zufolge bisher noch nicht eindeutig geklärt. Gleichwohl hätten sich die Extrakte bei zeitweiligen Unruhezuständen, Prüfungsstress oder vorübergehenden Einschlafstörungen bewährt.(APA)

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