Was man sich alles so vorstellt

1. Februar 2002, 23:25
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John Irvings jüngster Roman "Die vierte Hand"

Als begeisterter Leser und Kritiker von Romanen lernt man bald, auch bedeutenden Autoren manchmal eine Ökonomie der schnellen Produktion zu verzeihen: Man denke nur an Honoré de Balzac, der bei der Arbeit an seiner Menschlichen Komödie atemberaubenden Selbstverschleiss betrieb und gleichsam im Expressverfahren die Druckereien mit Manuskripten und Korrekturen versorgte. Und eigentlich will man sich nur bedingt vorstellen, wie heutzutage John Updike verschiedene Texte synchron an verschiedenen PCs fertig stellt.

Verdichtung der Arbeitszeit

Trotzdem geht die Ökonomie mitunter ein bisschen gar weit. Im angloamerikanischen Raum gipfelt dann die Verdichtung der Arbeitszeit nicht selten in umso längeren Dankeslisten am Ende von Büchern. Und da liest man dann etwa im Nachspann zum neuen Roman von John Irving: "Nicht zuletzt möchte ich den drei Assistenten danken, die zur Zeit der Niederschrift dieses Romans für mich arbeiteten: für sorgfältiges Tippen und Korrekturlesen des Manuskripts und wohldurchdachte Kritik..." - also für lauter Tätigkeiten, für die der Autor selbst keine Zeit aufbringen kann, aber umso mehr Geld, weil er ja doch die Bestsellerlisten bedienen will und muss und kann.

Und was Irving sonst noch alles will, erfahren wir gegenwärtig aus Interviews im Stil der vor Jahren dem Filmgeschäft vorbehaltenen Pressjunkets, in denen der Autor erzählt, dass er schon einen Oscar hat (für das Drehbuch zu Gottes Werk und Teufels Beitrag) und dass er den Nobelpreis eigentlich auch verdienen würde. Dass aber sein Leben insgesamt immer noch erstaunlich normal und bieder ist. Kurz: John Irving wäre vermutlich ein großartiger Held für einen Roman von John Irving.

Medien- und Beziehungsfarce

Mit Unterstützung von drei Assistenten, seiner Frau (die die Idee zum Buch hatte) und vielen anderen Beratern legt der US-Schriftsteller, dem wir für herrlich leichtfüssige Romane wie Die Mittelgewichtsehe immer noch zutiefst dankbar sind, nun Die vierte Hand vor: Eine Mischung aus Medien- und Beziehungsfarce, die - für Irving durchaus typisch - ihre Motive einerseits aus der Horror- und Trashkultur bezieht und andererseits aus der älteren und jüngeren Literaturgeschichte, um das Ganze in jene Kleinbürgerlichkeit zu übertragen, in der es auch für eine breite Leserschaft faszinierend, erheiternd und erträglich wird.

"Stellen Sie sich einen Mann auf dem Weg zu einem knapp dreißigsekündigen Ereignis vor - dem Verlust seiner linken Hand, noch in jungen Jahren." Dieses Vorstellungsspiel treibt Irving sehr schnell zu einem screwball-artigen Reigen neurotischer Beziehungen. Der Held, ein New Yorker TV-Moderator, wird in Indien vor laufender TV-Kamera von einem Löwen attackiert. Der Arzt der ihm eine neue Hand transplantieren soll, hat hingegen Probleme mit Hundekot, dafür aber einen Hund, der Kot frisst. Die Frau, die dem Moderator die Hand ihres Gemahls spenden will, kann das wunderbar von der Tatsache abstrahieren, dass ihr Gemahl noch lebt.

Und so weiter

Was man sich halt so vorstellen kann. Dazu Verweise auf E.B. Whites Kinderbuchklassiker Stuart Little oder Michael Ondaatjes Der englische Patient, also immer auf durchaus menschliche Konflikte im Schatten schrecklicher Transformtionen oder Verwundungen: Irvings ewiges Thema seit Garp und wie er die Welt sah. Dazu: Sportliche Hintergründe und sexuelle Fixiertheiten, wie man sich das bei Irving nicht nur vorstellt, sondern erwartet.

Merkwürdigerweise gelingt nun aber das Allerwichtigste nicht - trotz oder vielleicht sogar wegen drei Assistenten und einer zunehmend pragmatischen Arbeitsweise: Der ganze Wahnsinn bleibt Konstruktion, entwickelt null Atmosphäre. Der Medienzirkus, die Wissenschaftsbranche, ja selbst die privaten Lebenswelten bleiben Behauptungen, Skizzen zu Karikaturen. Die vierte Hand ist übrigens dem Regisseur Lasse Hallström (Gottes Werk...) gewidmet. Gut möglich, dass er das Buch verfilmt. Unsere Vorfreude ist enden wollend.
(Von Claus Philipp - DER STANDARD, Album, 02.02.2002)

John Irving, Die vierte Hand. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. EURO 22,90/öS 315,-/440 Seiten. Diogenes, Zürich 2002.

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