Willst du wahr sein, sei gemein

3. Februar 2002, 20:21
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Skandalnudel Houellebecq provoziert im neuen Roman "Plattform" mit dem Thema Sextourismus und angeblich rassistischen Äußerungen

Inzwischen müsste es auch Michel Houellebecq klar geworden sein. Bücher, die den Westeuropäer anwidern, sind gute Bücher. Nach seinem Roman Elementarteilchen wurde man richtig erfinderisch. Es war die Rede von "einem sexdegenerierten Mundgeruchler" bis zu "abscheulichster Prosa des letzten Jahrzehnts". Und alles nur, weil ein bis dahin im deutschsprachigen Raum kaum bekannter Autor mit Hilfe von ein paar hundert Seiten Papier das Abendland in eine Art Sexfarm verwandelte, die dem eigenen Untergang entgegenschaukelt. In dieser Sexfarm verbringt der männliche Westeuropäer sein Leben zum Großteil auf dem Weg vom Kühlschrank zur Fernbedienung, wobei er sich auf halber Strecke manchmal einen herunterholt. Das westeuropäische Weibchen besteht nur noch aus Geschlechtsorganen und einem "Lustmäulchen", welches dazu dient, einen möglichst vollendeten Oralsex zu verschaffen. Und die einheimischen Intelektuellen, die dieser Entwicklung den Spiegel vorhalten sollten, nehmen selber an ihr Teil und sind obendrein zu einer Horde gebildeter Vollidioten und korrumpierter Feiglinge mutiert.

"Striptease"

Dies alles klang bedrückend und skandalös. Doch wirklich bedrückend war, wie wenig der Autor übertreiben musste, um dieses degeneröse Schauermärchen zu entwerfen. Michel Houellebecq befolgte ein lächerlich einfaches Rezept: "Wenn du wahr sein willst, sei wirklich gemein". In einer anderen Zeit und in einer anderen Welt wäre dieser Vorschlag nicht einmal hundertprozentig logisch. Aber heute und hier hatte er mit dieser Formel den Westeuopäer gründlicher ausgezogen als es je eine Professionelle geschafft hätte. Nach diesem Striptease wurde es offenkundig, dass der Westeuropäer außer seinen Genitalien und seiner Kreditkarte der Welt nichts anzubieten hat und auch nichts mehr anbieten will.

Vergessenheit im Orgasmus

In Plattform, seinem neuesten Buch, ist das Paar das zentrale Thema. Der Protagonist Michel arbeitet im "Kulturbetrieb". Er ist müde, ausgelaugt und das bedauerlichste - er ist Westeuropäer. Nach einer Erbschaft macht er einen Urlaub in Thailand, um sich der letzten sinnvollen Beschäftigung hinzugeben, die dem Westeuropäer noch gegeben ist: Vergessenheit im Orgasmus. Ausgerechnet im Land der sexuellen Ausschweifungen lernt er Valerie kennen. Sie ist wie er Europäerin und Managerin der Tourismusindustrie. Interessanterweise kommt es zwischen den beiden in Thailand zu keinerlei erotischen Kontakten. Erst in Paris nach der Rückkehr in das graue Europa, "wo die Jahreszeiten so schnell abwechseln, daß man im Zustand ständiger Unruhe ist", werden sie zu einem Paar.

Am Anfang ist Michel von Valeries sexueller Hingabe angetan. Doch wenn auch die "Plattform" ihres Glücks die sexuelle Lust zu sein scheint, entwickelt sich zwischen den beiden eine schwer definierbare Zuneigung. Nach einem Jahr gelungener Beziehung fahren die beiden wieder nach Thailand. Sie beschließen, dort dem kaputten Europa endgültig den Rücken zu kehren. Als ihr Glück auf der Spitze zu sein scheint, wird Valerie bei einem "dummen wie sinnlosen" Attentat islamischer Terroristen getötet.

Skandalthema

Die angeblich rassistischen Äußerungen des Autors gegen den Islam wurden vielerorts zu einem zentralen Skandalthema des Buches erhoben. Dabei sind es lediglich Rachegedanken eines Menschen, dem ein Unglück widerfahren ist, die auch Franzosen gelten könnten, wären diese für das Attentat verantwortlich. Offenbar gibt man sich aber heute nicht mehr mit einem guten Buch zufrieden, es muss auch noch skandalös sein.

Manch kritische Stimme könnte einwenden, dass Plattform nicht die Wucht der Elementarteilchen, hat. Allerdings könnte man dasselbe über die Elementarteilchen sagen, wären sie in umgekehrter Reihenfolge erschienen. An einer anderen Stelle könnte man auch bemängeln, dass der Autor etwas weniger im Guide Michelin hätte blättern sollen. Anderseits kann man das Gegenargument bringen, dass er um Authenzität bemüht war. Mit einem Wort, es wäre müßig, sich in stilistisch- kritischen Äußerungen zu üben. Zu wichtig und zu inspirierend ist auch dieses Werk.

"Das Unglück ist hartnäckig"

Der menschliche Hass und Neid, durch den islamischen Fanatiker symbolisiert, entzieht Michel die letzte Plattform für zwischenmenschliches Glück. "Das Unglück ist hartnäckig" sagt er an einer Stelle, um an einer anderen zu sagen "Dank ihr weiß ich, daß es das Glück gibt". Für einen derart desillusionierten Autor fallen in Plattform erstaunlich häufig Worte wie "Liebe" "Glück" oder "Harmonie". Der Protagonist Michel ist kein Marquis de Sade, und etwas zu halbherzig um als hundertprozentiger Erotomane durchzugehen. Es ist dafür wahrscheinlicher, dass er den Sex zumindest so schätzt wie er ihn hasst. Er schätzt ihn als einen authentischen Moment, wo die Wahrheit, ob die Liebe überhaupt existiert, sich für einen winzigen Augenblick offenbart. Und er hasst ihn, weil er für einen Moment den Blick auf ein kurzlebiges Universum öffnet. Es ist dasselbe Universum aus dem Kafkas zum Menschen hochdressierter "Rotpeter" den schwachen Luftzug seines vergangenen Affentums und befreiender Verantwortungslosigkeit an den "eigenen Fersen" spürte.

Wie bei den Elementarteilchen werden die einen Plattform angeekelt weglegen, während die anderen ihren Ekel herunterschlucken und darin eine komplexe und von unserer Gesellschaft verdrängte Botschaft sehen. Zudem ist folgendes zu bedenken. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ein Autor ein derart durchdachtes und durchgearbeitetes Werk vorlegen würde, wenn er der Gesellschaft gegenüber so hoffnungslos stünde wie seine Helden. Und wenn im Gegenzug der Westeuropäer diesen Werken auch nicht gleichgültig gegenübersteht, besitzt er offenbar noch einen Funken Vitalität. Ob aus diesem Funken allerdings wieder ein Brand wie einst werden kann, wagt niemand zu sagen. Wenn es jemanden gibt, der ihn gerne sehen würde, dann ist es Michel Houellebecq.
(Von Radek Knapp - DER STANDARD, Album, Sa./So., 02.02.2002)

Michel Houllebecq: "Plattform", Roman, DuMont Verlag, 370 Seiten, 24 Euro,



Am 10.2. liest der Autor im Wiener Rabenhof.
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