Schmutz - das Königswort

1. Februar 2002, 21:22
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Marc Ribot dekonstruierte in der Wiener Sargfabrik gleichermaßen Songs wie Gitarren

Der exzentrische Saitenkünstler aus New York verschmäht auch die kubanische Welle nicht - und spielt mit den "Postizos".

Andreas Felber

Wien - "Dieses Projekt wurde bereits im Dezember 1995 gestartet", erzählt er gnädigerweise doch noch einmal. "Ich weiß es deshalb genau, weil damals meine Tochter geboren wurde. Wir erhielten den Plattenvertrag, noch bevor die Buena Vista Social Club-CD überhaupt aufgenommen wurde. Man erzählte mir damals, dass Ry Cooder auch an so einem Projekt arbeitete. Meine Motivation war außerdem kein kubanisches Projekt im Allgemeinen, sondern die Beschäftigung mit Arsenio Rodriguez' Musik im Besonderen."

Mit der Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Kuba-Welle und seinen "Cubanos Postizos", mit denen er in den letzten Jahren für Furore sorgte, kann man Marc Ribot mittlerweile durchaus nerven. Nein, natürlich sei er auf keinen fahrenden Zug aufgesprungen, wie man mutmaßte, als Ribot 1998 seine "kubanischen Prothesen" erstmals in Europa präsentierte: Ein Quintett New Yorker Musiker aus dem "Lounge Lizards"- bzw. "Knitting Factory"-Umfeld, dem der Gitarrist selbst entstammt.

Distanz

Schon im Bandnamen signalisierte der für bizarre nominelle Kreationen bekannte Ribot - sein Verlag heißt "Knockwurst Music" - Distanz zum Thema, das für ihn an sich nur die Kompositionen des legendären, 1971 verstorbenen kubanischen Gitarristen und "Tresero" Arsenio Rodriguez umfasste: "Ich wollte absolut klar machen, das wir nicht den Anspruch stellten, authentische kubanische Musik zu spielen."

So scheint auch schlüssig, dass Marc Ribot sein auf der großartig mundenden CD Saints (Atlantic/Warner) dokumentiertes, neues Solo-programm nicht als Pause vom vielen Touren mit den "Postizos" sehen will, sondern umgekehrt, als Rückkehr zu den Dingen, die ihn eigentlich beschäftigen.

Wie der 47-Jährige im überfüllten, stickigen Konzertraum der Wiener Sargfabrik auch live demonstrierte, knüpft er damit nahtlos an die großartige Don't Blame Me-Aufnahme von 1995 an: Ein äußerst disparates Sammelsurium an Songs und Stücken zwischen John Zorns Book of Heads, dem Beatles-Opus Happiness Is A Warm Gun oder dem Spiritual Go Down Moses landet auf dem Seziertisch - und ersteht dort, der durchaus peinvollen gitarristischen Quasi-Obduktion zum Trotz, zu ungeahntem Leben.

Der keusche Würger

Nicht zu Unrecht steht Ribot im Ruf, jenes Instrument, das andere wie Geliebte beim Namen rufen und liebkosen, stets erbarmungslos an den Saiten zu reißen, es zu schlagen, zu schrammen und zu würgen. Beinahe so, als hätte er wirklich Prothesen an den Armen, als würde er mit klobigen Ersatzextremitäten sein Instrument bearbeiten.

Wobei zwischen verzerrten Klangsplittern und krude abgehobelten Soundspänen stets fragile Songstrukturen, mikroepische Zwischentöne hörbar werden, die so nur Marc Ribot erzeugen kann: "Im Zuge des Spielens versuche ich herauszufinden, weshalb mir ein Lied eigentlich gefällt. Spielen ist emotionale Forschung", so Ribot über seinen dialektischen Material-zugang: "Ich will Risse an der Oberfläche der Performance sichtbar machen, sodass mich die Leute als menschliches Wesen sehen können. Schmutz - ich mag das Wort. Ich jage dem Schmutz schon mein ganzes Leben hinterher."

Zweifellos verbindet Ribot, der zugibt, dass seine berühmte 20-Dollar-Akustik-Gitarre - eine Leihgabe von "Chocolate Genius" Marc Anthony Thompson - nicht einmal diesen Betrag wert sei, jene Trash-Ästhetik, die sich auf den CDs in einem aufwendig produzierten Lo-Fi-Sound materialisiert, mit seinem neben John Zorn berühmtesten Arbeitgeber: Tom Waits. Seit 1985, als Waits ihn mit den Lounge Lizards hörte und sodann für sein Rain Dogs-Album beizog, war Ribot immer wieder auf den Einspielungen des Sängers zu vernehmen.

Ribot vielsagend: "Ich denke, ich habe geholfen, das Problem einer Gitarrenspielweise, die zu seiner Musik passt, zu lösen."
(DER STANDARD; Print, Sa./So., 2.02.2002)

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