Alles wird gut

1. Februar 2002, 22:19
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Maria Joao Pires im Wiener Konzerthaus -

Wien - Ganz am Ende des Konzerts, der letzte Akkord des zugegebenen Andantes aus Schuberts kleiner A-Dur Sonate hatte sich schon längst in den imperialen Weiten des Großen Konzerthaussaales verflüchtigt, da schmiegte sie sich noch kurz an den großen Flügel, und es stand dem Betrachter frei zu entscheiden, ob er nun ein Kind sehen wollte, das bei einem Elternteil Schutz und Zuflucht sucht, oder eine Mutter, welche ihr Kind sanft liebkost. Auch der Gesamteindruck der portugiesischen Pianistin pendelte zwischen diesen beiden Polen: Die zierliche Gestalt, das mädchenhaft-scheue Lächeln bei der Verbeugung kontrastierten mit der ernsthaften, etwas erschöpft wirkenden Konzentration während des Spiels. Nach den nachgerade preußisch interpretierten Drei Romanzen op. 28 von Robert Schumann geriet dessen C-Dur Arabesque op. 18 zum zauberischsten Moment des ersten Konzertteils: leicht, duftig, die Rubati mit Feingefühl gesetzt.

Das Adagio sostenuto der cis-Moll Sonate op. 27/2 Ludwig van Beethovens durchmaß Maria Joao Pires angemessenen, also gemessenen Schrittes; das Presto agitato allerdings enttäuschte ob der zu weichen, zu flüchtigen Dreiklangzerlegungen, die gellenden Sforzato-Schreie an deren oberen Ende fehlten.

Schuberts B-Dur Sonate D 960 ist natürlich die schönste Musik überhaupt - eine Geschichte über die Leichtigkeit des Seins desjenigen, der mit seinem Sein schon abgeschlossen hat. Unbeschwert und sonnig beginnt sie, der Pianist machte es am Klügsten, flöße er einfach mit mit den Schubertschen Lebensklängen. Pires intervenierte jedoch da und dort über Gebühr, hechelte mit übergroßer Hektik ins Seitenthema; im Andante sostenuto blies sie dann jeden Takt zu einer kleinen Rhapsodie auf.

In diesem Satz gibt es in der Reprise des A-Teils eine Stelle, an der Schubert einen lang aufgestauten Gis-Dur-Höhepunkt völlig unerwartet in elfenreines C-Dur kippen lässt: wohl einer der berührendsten Coups der Musikgeschichte. Auch hier schmiegen sie sich eng aneinander, der desperate Erwachsene und das tröstende Kind, hoffend, dass im Ende einmal alles gut sein wird.(DER STANDARD, Printausgabe vom 2.2.2002)

Von
Stefan Ender
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