Rebellion gegen "Preis der Besatzung"

1. Februar 2002, 23:17
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Israel: Mehr als hundert Reservisten verweigern Dienst in Palästinensergebieten

Die israelische Armee muss nun die schwierige Entscheidung treffen, wie sie mit einigen Dutzend rebellischen Reservisten umgehen soll, die nicht mehr im Westjordanland und im Gazastreifen dienen wollen. Jeder Einzelne solle zunächst von seinem jeweiligen Vorgesetzten angehört werden, kündigte Generalstabschef Shaul Mofas an, die Offiziere unter ihnen würden ihrer Kommandos enthoben werden. Man werde aber auch künftig alle zum Reservedienst einberufen, und würden sie dem nicht Folge leisten, "dann haben wir unsere Wege, mit Verweigerern umzugehen".

Seit dem Beginn der Intifada köchelt die Debatte darüber, ob Israel moralisch gerechtfertigte Selbstverteidigung übt oder unmenschliche Methoden anwendet, die womöglich an Kriegsverbrechen grenzen - neuen Zündstoff hat sie vorige Woche durch eine Erklärung von 50 Reservesoldaten bekommen.

"Ein Volk demütigen"

"Der Preis der Besetzung ist der Verlust des menschlichen Charakters der israelischen Armee", heißt es darin, "wir wollen nicht mehr jenseits der Grenze von 1967 dienen, um dort zu herrschen, zu vertreiben, auszuhungern und ein ganzes Volk zu demütigen."

Mittlerweile stehen 106 Verweigerer auf der Liste, rund ein Drittel von ihnen Offiziere, angepeilt werden 500 Unterschriften. Gemessen an den Tausenden Reservisten, die regelmäßig im Einsatz sind, ist die "Rebellion" eine Randerscheinung, Mofas nimmt sie aber "sehr ernst":

"Wenn alle diese Dinge, die da beschrieben werden, in Einzelfällen wirklich passiert sind", dann hätten die Offiziere darüber berichten müssen, denn "wenn es gesetzwidrige Befehle gibt, dann ist es richtig, sie nicht auszuführen". Soldaten könnten sich aber nicht aussuchen, wo sie kämpfen wollen und wo nicht. Mofas berichtete, er habe Hunderte Briefe erhalten, die Empörung über die Verweigerer ausdrücken.

Zu Wort gemeldet hat sich auch der ehemalige Kommandeur der Marine und ehemalige Geheimdienstchef Ami Ayalon - im israelischen Fernsehen sprach er sich zwar gegen die organisierte Dienstverweigerung aus, zeigte aber Sympathie für die Unterzeichner: Jeder Soldat "muss sich mit der punktuellen Situation auseinander setzen, er muss den Befehl verweigern, wenn er offensichtlich gesetzwidrig ist, ich bin besorgt über die geringe Zahl der Befehlsverweigerungen".

(DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2002)
von STANDARD-Korrespondent Ben Segenreich aus Tel Aviv
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