Wyser-Pratte: Ein Investor den Unternehmen fürchten und lieben

1. Februar 2002, 19:22
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"Meine eigentliche Waffe ist die Meinung der Mitaktionäre" - 500 Millionen Dollar "Spielkapital"

Wien - "Guy Wyser-Pratte ist genau die Sorte Finanzinvestor aus Übersee, den deutsche Unternehmen fürchten", schrieb das Finanzmagazin "Forbes" im Juli 2001. Die Aktionäre dagegen lieben ihn wegen der beinahe garantierten Wertsteigerung der Unternehmen, an denen er sich beteiligt. Rund 500 Mill. Dollar (579 Mill. Euro/8 Mrd. S) stehen dem Investmentexperten laut Medienberichten für seine Beutezüge zur Verfügung. An mehr als 40 Unternehmen hat sich seine Firma Wyser-Pratte Management Co. Inc. seit 1992 beteiligt, an gut einer Handvoll soll er derzeit noch Anteile halten. Seit Donnerstag ist er offiziell mit fünf Prozent auch an der heimischen AUA beteiligt.

Die Mutter des 1940 geborenen knapp 2 Meter großen Firmenjägers war Österreicherin, die nach dem ersten Weltkrieg nach Frankreich geflohen war. 1947 wanderte er mit seinen Eltern in die USA aus. Dort zog es ihn in die US-Marine. Vier Jahre diente er in den USA und Asien.

"Sein Interesse gilt ausschließlich Unternehmen, in deren Bilanz der eine oder andere ungehobene Vermögensschatz schlummert und bei denen der Aktienverkauf einen schönen Profit verspricht, wenn die Firma erst einmal ordentlich durchgerüttelt wurde", schrieb "Der Spiegel" Mitte Jänner, nach dem bekannt wurde, dass Wyser-Pratte mehr als 5 Prozent des deutschen Traditionsunternehmens Babcock-Borsig aufgekauft hatte.

Aggressiver Ruf

Der als aggressiver Investor geltende "Wall Streeter" machte seinen ersten deutschen "Beutezug" im November 2000, als er 7 Prozent des deutschen Elektronik- und Rüstungskonzerns Rheinmetall - einem Unternehmenskonglomerat alten Stils - aufkaufte. Die Gründerfamilie Röchling war an seinem Plan, das Unternehmen aufzuteilen und auf Rüstungsprodukte zu konzentrieren, aber nicht interessiert und kaufte ihn aus dem Unternehmen aus. In den 12 Monaten, in denen Wyser-Pratte die Aktien hielt, hat sich deren Preis mehr als verdoppelt.

Im Jänner 2002 schlug der von Forbes als "Unternehmens- Freibeuter" ("corporate raider") bezeichnete Franko-Amerikaner in Deutschland erneut zu: Wyser-Pratte erwarb rund fünf Prozent der Babcock, einem Maschinenbau-Konglomerat, das Kraftwerke und Unterseeboote baut. "Das Unternehmen ist auf einer restrukturierten Basis extrem unterbewertet", so Wyser-Pratte. Laut Forbes beabsichtige der Finanzinvestor zwar mit dem Management zusammenzuarbeiten, "aber was er will, scheint klar zu sein: schwache Teile abstoßen und in den U-Bootbau zu investieren."

Nach Bekanntwerden des Deals stieg der Babcock-Kurs um mehr als ein Viertel. Eigentlich sei Wyser-Prattes Beteiligung nicht wirklich relevant, meinen Analysten. Die Situation würde sich aber schnell ändern, wenn der Investor auch den von Preussag gehaltenen Babcock-Anteil erwerben würde. "Wenn es ihm gelingt, den Fokus des Managements auf den Shareholder-Value zu legen, könnte dieser Anstieg erst der Beginn sein", meint Forbes. "Kaum ein anderer Firmenjäger kann so unangenehm werden, wenn es darum geht, Druck auf ein Management auszuüben", schrieb "Der Spiegel".

Minderheitenbeteiligungen

Dabei erwirbt Wyser-Pratte immer nur eine Minderheitsbeteiligung, in der Regel nicht mehr als maximal 10 Prozent. "Meine eigentliche Waffe ist die Meinung der Mitaktionäre", so der selbstbewusste Firmenjäger. Der Erfolg scheint ihm Recht zu geben: Beim britischen Energiekonzern Northern Electric gelang es ihm einen Aufstand der Anleger anzuzetteln, als die Firmenführung ein lukratives Übernahmeangebot ausschlug. Bei der französischen Schuhhandelskette Groupe Andre wiederum schubste er mit vereinten Kräften den Vorstandsvorsitzenden aus der Firma. "Nun steht Babcock-Borsig auf der Liste", heißt es.

Wyser-Pratte besitzt in Deutschland daneben noch Anteile an der MobilCom AG, die mit 1,1 Prozent angegeben werden. Laut "Forbes" könnten noch in diesem Jahr ein Drittel der deutschen Aktien ihre Besitzer wechseln, nachdem die deutsche Regierung die Besteuerung von Kapitalerträgen per Jahresbeginn fallen gelassen hat, um Umstrukturierungen zu erleichtern. "Erwartet nicht, dass das ohne Kampf vor sich gehen wird", schreibt "Forbes". (APA)

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