"Spekulations-Blase" oder "Bioaktie"?

1. Februar 2002, 14:12
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Stammzellen aus Nabelschnurblut: Fachleute betonen Möglichkeit zu echten innovativen Therapien

Wien - Zu hoffen ist, dass sich allfällige individuelle Investitionen in die Technik nicht als "Spekulations-Blase" herausstellen. Aber die Gewinnung von Stammzellen aus Nabelschnurblut könnte in Zukunft andererseits auch die Möglichkeiten zu echten innovativen Therapien eröffnen. Das betonten am Freitag Fachleute bei einer Pressekonferenz in Wien aus Anlass des 2. Internationalen Symposiums zu diesem Thema.

"Bioaktie ist ein Begriff, der mir sehr gut gefällt. Wenn ich eine Aktie kaufe, sehe ich mir das Produkt an, ob es entwicklungsfähig ist", erklärte Univ.-Doz. Dr. Karl-Heinz Preisegger, Grazer Pathologe, Humangenetiker und Betreiber eines privaten Unternehmens zur Lagerung von Nabelschnurblut-Stammzellen von Neugeborenen.

Laut Dr. Eberhard F. Lampeter, ebenfalls Betreiber einer solchen privaten Einrichtung in Leipzig, gibt es jedenfalls bereits eindeutige Beweise, dass bei manchen Anwendungen von Stammzellen aus Nabelschnurblut die Ergebnisse besser sind als bei Benutzung von Stammzellen aus Knochenmark.

Anwendung

Insgesamt allerdings sind die medizinischen eindeutigen Indikationen für Nabelschnur-Stammzellspenden und deren Anwendung - derzeit - noch relativ gering. Lampeter: "Die gegenwärtige Anwendung sind blutbildende Stammzellen nach Hochdosis-Chemotherapie. Da wird die zehn- bis zwanzigfache Dosis einer normalen Chemotherapie verabreicht. Das hat zur Folge, dass die Funktion des Knochenmarks unterdrückt wird. Hier ist man in der Lage, durch die Transplantation von blutbildenden Stammzellen die Blutbildung wieder zu ersetzen."

So stellt das Nabelschnurblut derzeit zwar eine mögliche Quelle für Stammzellen dar, laut einer Auswertung der Daten aus Europa für das Jahr 1999 werden aber derzeit noch rund zwei Drittel der Stammzelltransplantationen mit "Material" vom Patienten selbst (vor allem Knochenmark oder aus dem normalen Blut gewonnene Stammzellen), etwas mehr als 20 Prozent mit Knochenmark oder Stammzellen aus anderen Quellen von Verwandten und neun Prozent mit Knochenmark aus Spenderbanken durchgeführt.

Tendenz

Doch das kann sich ändern. Dr. Martin Imhof, Arzt und Wissenschafter an der Universitäts-Frauenklinik in Wien, zu der Frage, ob nicht Spenderbanken in Zukunft die individuelle Gewinnung von solchen Stammzellen ersetzen könnte: "Die Tendenz geht eher zur autologen Lagerung (Lagerung von Knochenmark- bzw. Stammzellspenden auch eventuell aus Nabelschnurblut, Anm.)." Durch vom Patienten stammendes Zellmaterial, das ja genetisch ident sei, könne man auf jeden Fall Abstoßungsreaktionen bzw. andere immunologische Probleme vermeiden.

An dem zweitägigen Symposium nimmt auch Alan Colman, einer der wissenschaftlichen "Väter" des Klonschafs "Dolly", teil. Ein ganz offensichtliches Problem bei der Gewinnung von Nabelschnurblut von einem Neugeborenen für dessen folgende Lebensjahrzehnte: Die Entwicklung der Medizin in diesem Bereich scheint so schnell zu sein, dass heute als zukunftsträchtig erkannte Konzepte schon in kürzester Zeit wieder obsolet sein könnten. (APA)

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