Von der Norm abgewichen

1. Februar 2002, 11:31
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Studie: Informationen, die nicht in unsere Klischees passen, merken wir uns viel besser

Bonn - Unerwartete Informationen merkt sich der Mensch wesentlich besser als Erkenntnisse, die weit verbreiteten Klischees entsprechen. Mit diesem Filter versetzt sich das Gehirn in die Lage, neue Informationen effizienter zu verarbeiten, wie die Psychologin Katja Ehrenberg von der Universität Bonn berichtet. In einer Studie hatte die Doktorandin den Sinn so genannter Stereotypen untersucht.

Dazu entwickelte sie in einem Computerprogramm zwei fiktive Persönlichkeiten: den kahl geschorenen, bulligen Skinhead Robert und den freundlichen und offen lächelnden Sozialpädagogen Stefan. Beiden ordnete sie positive und negative Aussagen zu. Skinhead Robert etwa hilft seinen Freunden, wo er kann, er trennt seinen Müll und mag keine Ausländer. Sozialpädagoge Stefan ist ein guter Zuhörer, kann prima mit Kindern umgehen, hat für Bettler kein Geld übrig und verleiht grundsätzlich nicht sein Auto.

Insgesamt 460 Versuchspersonen wurden mit Robert und Stefan konfrontiert und sollten nach dem Experiment die verschiedenen Aussagen den beiden Männern zuordnen. Wesentlich häufiger gelang den Probanden dies, wenn die entsprechende Eigenschaft im Widerspruch zur Erwartungshaltung stand. So erinnerten sich weit mehr Testpersonen daran, dass der Sozialpädagoge Bettlern kein Geld gibt, als daran, dass er gut zuhören kann. Dieser Effekt verstärkte sich noch, wenn die Probanden während des Experiments abgelenkt waren.

Sinn

"Das wir uns vor allem Abweichungen von der erlernten Norm merken, ist durchaus sinnvoll", betont die Psychologin. Der Mensch merke sich all das, was nicht in die eigenen Erfahrungen passe. Und ansonsten orientiere er sich an Stereotypen. "Ohne diese Strategie wären wir angesichts der Informationsfülle, die täglich auf uns hereinprasselt, völlig überfordert", sagt Ehrenberg.

Die Klischeebilder dienten also als eine Art Schablone, zu der nur noch die Abweichungen registriert würden. So könne das Gehirn die zu verarbeitende Datenmenge auf ein erträgliches Maß reduzieren: Es vergesse alles, was nicht überrasche, und rekonstruiere es bei Bedarf aus dem Klischeebild. (APA/AP)

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    foto: photodisc
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