"Ich bin den weiten Weg gegangen"

1. Februar 2002, 20:31
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Die deutsche Schauspielerin und Chansonsängerin Hildegard Knef starb 76jährig an ihrem langjährigen Lungenleiden - mit Ansichtssache

Berlin - Ja, sie war eine Berlinerin. Zwar wurde sie versehentlich in Ulm an der Donau geboren, um später vorwiegend in Amerika oder dem braven bayerischen München zu leben. Berlinerin aber war Hildegard Knef nicht durch das Pflaster oder den gepflegten Rasen, auf dem sie ihre hohen Absätze schieftrat.

Wie "die" Dietrich (und wie heute auch Sophie Rois aus Ottensheim bei Linz) war "die" Knef paradoxerweise Berlinerin, weil sie das Gegenteil der deutschen Tugenden darstellte. Keine singende, spielende Bonner Hausfrau in gebügelter Bluse, war Hildegard Knef die Verkörperung der Lockungen der Großstadt in der kleinstädtisch ordentlichen Nachkriegs-Bundesrepublik. Ihre Lippen zu voll, um nur anständige Sätze zu formulieren, ihr Blick zu verschattet, ihre Stimme zu tief.

Sinnlich, selbstbewusst und intelligent

Hildegard Knef war sinnlich, sehr sinnlich, sie war selbstbewusst und intelligent. Sie lebte intensivst, vergeudete ihr Vermögen, das sie durch Bücher, Filme und Platten erwarb, und sich selbst, wechselte die Männer und die Städte, lebte, so gar nicht bundesrepublikanisch, immer eine Nummer zu groß für ihr Konto, qualmte ihre Lungenentzündungen mit Zigaretten zu und vergaß dann noch, ihre Exzesse in den keuschen Mantel des Schweigens zu hüllen. Hildegard Knef war ein Skandal. Und wurde dafür geliebt von den anderen, braveren Frauen, wie man das Verbotene liebt, statt es zu tun.

Ein Skandal war sie ziemlich früh, schon mit 24. Damals, 1950, sie war gerade ihrem ersten Mann, Kurt Hirsch, in die USA gefolgt, kehrte sie kurz nach Deutschland zurück, um die Titelrolle in Willy Forsts Die Sünderin zu übernehmen: eine Frau, die sich prostituiert, um einen Maler vom Erblinden zu retten - sechseinhalb Sekunden Nacktheit gruben sich in das verprüdete deutsche Bewusstsein und schufen so etwas wie einen Mythos. Vorher bereits (1946) hatte sie im ersten deutschen Nachkriegsfilm, in Wolfgang Staudtes DEFA-Produktion Die Mörder sind unter uns, in der Rolle einer ehemaligen KZ-Insassin gegen das Rollenbild des deutschen Mädels verstoßen.

Kunst der lasziven Verlangsamung

In den Fünfzigerjahren drehte sie in Deutschland, den USA, in Großbritannien und Frankreich. Mit knapp 30 spielte und sang sie schließlich 675 Vorstellungen lang jene Ninotschka im Musical Seidenstrümpfe am New Yorker Broadway, der bereits Greta Garbo, eine andere Gegen-Schönheit, unter Ernst Lubitschs Regie das Filmgesicht geliehen hatte.

Zurück in Deutschland, startete die Knef, die Trickfilm-Zeichnerin gelernt hatte und eher zufällig vor die Kamera geraten war, Karriere zwei und drei. Anfang der Sechzigerjahre begann sie Songtexte (Ich zieh' mal wieder um, 17 Millimeter fehlten mir zum Glück, Für mich soll's rote Rosen regnen, Jene irritierte Auster) zu schreiben, erste Platten einzuspielen und wurde - wieder neben Marlene, der älteren Freundin - eine der wenigen ernst zu nehmenden deutschen Chansonieren. Die dunkle Stimme, die Kunst der lasziven Verlangsamung: Die Knef beherrschte jenes Flair direkter Körperlichkeit, aus dem das Chanson seine Wirkung gründet.

Kreuzweg durch die Operationssäle

Und sie konnte schreiben. Ihre Memoiren Der geschenkte Gaul, 1970 im Wiener Molden Verlag erschienen, verkauften sich weltweit über drei Millionen Mal auch deshalb, da sie wie nur wenige Schauspieler-Erinnerungen literarischer Kritik durchaus standhielten. Sechs weitere Bücher und dunklere Jahre folgten. In den Achtzigerjahren verfolgte die buntbebilderte Hochglanzöffentlichkeit der Frauenjournale Hildegard Knef vor allem auf ihrem langwierigen Kreuzweg durch die Operationssäle deutscher Krankenhäuser. Über 60 Operationen hinterließen Narben auf ihrer Haut und in ihrem Inneren. Interviews gewährte sie zuletzt nur in dunklen Räumen.

Aufgegeben hat sie dennoch nicht. Vor zwei Jahren spielte die "Avantgardistin des gebastelten Lebens" gemeinsam mit dem jungen Jazztrompeter Till Brönner eine letzte Platte ein, oder trat in Christoph Schlingensiefs Talk 2000 auf.

Gestorben ist die mutige Berlinerin nun 76-jährig in einer Berliner Klinik - an den Folgen einer letzten Lungenentzündung. Möge es an ihrem Grab rote Rosen regnen.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 2./3.2.2002)

Von Cornelia Niedermeier

Schauspielerin, Autorin, Sängerin wunderbarer, selbst getexteter Chansons: Hildegard Knef, die schwäbische Berlinerin, war einer der wenigen deutschen Nachkriegsstars von Weltrang. Jetzt erlag sie in Berlin einem Lungenleiden.

SIEHE:

Ansichtssache: Szenen eines Lebens

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