Deutscher Importbeschluss: Lob und Tadel

31. Jänner 2002, 21:31
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Berlin plant rasche Umsetzung - Heimische Experten sehen Modell für Österreich, aber keinen Handlungsbedarf

Berlin/Wien - Bis Juni soll im deutschen Bundestag ein neues Gesetz zum Import embryonaler Stammzellen beschlossen werden. Noch im Februar werde ein Entwurf ins Parlament eingebracht, kündigte der Forschungsstaatssekretär Wolf-Michael Catenhusen am Donnerstag an. Nach dem prinzipiellen Entscheid des Bundestages, den Import von Embryozellen unter strengen Auflagen zuzulassen, habe die Wissenschaft "ein Anrecht auf eine schnelle Umsetzung des Beschlusses", so der SPD-Politiker.

In dem Gesetz soll geregelt werden, dass kein Geld für die Gewinnung der Stammzellen geflossen sein darf und die Herstellung embryonaler Stammzellen in Deutschland weiterhin verboten bleibt.

Der Bundestagsentscheid stößt auf gemischte Reaktionen: Die heftigste Kritik kam vom Kölner Kardinal Joachim Meißner. Diese Entscheidung schaffe "Profiteure durch die Tötung eines Menschen am Beginn seiner Existenz". Als positives Signal für die Forschung hat der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle den Beschluss begrüßt: "Nun können wir endlich in vollem Umfang unseren Beitrag zu dieser viel versprechenden Forschungsrichtung leisten." Mit einem Ja der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu seinem Antrag, Stammzellen aus Israel zu importieren, wurde für Donnerstagabend gerechnet. Auch Pharmafirmen, die bei Importverbot mit Abwanderung gedroht hatten, reagierten positiv auf die Entscheidung.

Österreich wartet ab

Die Möglichkeit derartiger Forschung begrüßte grundsätzlich auch Molekularbiologe Erwin Wagner vom Institut für Molekulare Pathologie in Wien (IMP, des Pharmamultis Boehringer). Das IMP plane aber derzeit nichts Konkretes.

Kein bekanntes Firmeninteresse - für den Vorsitzenden der offiziellen Ethikkommission, Johannes Huber, ist das ein Grund, warum "wir noch nicht unter Druck geraten". Der andere: Es gibt keine Therapie mit embryonalen Stammzellen: "Nirgendwo ist ein Durchbruch in Sicht", so Huber zum STANDARD. Kanzler Gerhard Schröders Worte seien entsprechend "hypothetisch. Man wollte einen Kompromiss, um sich eine Türe offen zu halten, ohne zu wissen, was dahinter wirklich ist."

Scharfe Kritik kam von Ernst Wolner, Stammzellforscher am Wiener AKH. Angesichts "Tausender abgetriebener Embryonen jährlich im Abfall" sei "das Theater um embryonale Stammzellen Pharisäerei". Wolner schlägt statt genereller Freigabe eine befristete Regulierung vor.

Ethikkommissionsmitglied Ulrich Körtner, evangelischer Theologe, dagegen begrüßte die deutsche Regelung als mögliches, "verantwortungsvolles" Modell für Österreich, sollte es eines Tages Forschungsanträge dazu geben.

Doch noch ist es nicht so weit. Vorerst soll die Kommission für Forschungsministerin Elisabeth Gehrer, einer Gegnerin "verbrauchender" Embryoforschung, bis März eine Empfehlung zum 6. EU-Rahmenprogramm erarbeiten. Kernfrage: Sollen wir derartige Forschung mitfinanzieren?

Nach STANDARD-Recherchen ist die Kommission darüber uneins. Ohne sein Gremium präjudizieren zu wollen, kritisiert Huber die EU-Verantwortlichen wegen unausgereifter Pläne. So fänden sich etwa auch im Fruchtwasser embryonale Stammzellen, die man ohne Tötung eines Embryos gewinnen könne. "Die Brüsseler Experten haben das noch nicht einmal in einer Fußnote erwähnt. Wer sind denn dort die Naturwissenschafter?" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 2. 2002)

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