Selbsterhöhung per Inserat

1. Februar 2002, 20:21
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1. Februar 2002

... legen sie naturgemäß besonderen Wert darauf, mit dem aufgewendeten Geld einen möglichst großen Effekt zu erzielen; oder anders gesagt, sie werden gerade jetzt, wo der Finanzminister jeden Cent, den er sich unter den Nagel reißen kann, für sein Nulldefizit beansprucht, Wert darauf legen, um das Geld der Steuerzahler nur wirklich wichtige und für die Allgemeinheit nützliche Informationen inseratenmäßig unters Volk zu bringen. Und das gut gezielt.

Mit leuchtendem Beispiel und Auge geht da bekanntlich Werner Faymann voran, der sich regelmäßig mit um sein Porträt gruppierten Gemeindebauten in der "Kronen Zeitung" als Stadtrat von nebenan längst zum Pendant der Frau von nebenan emporgearbeitet hat. Die stilistische Dezenz seiner Botschaft darf über deren tiefere Bedeutung nicht hinwegtäuschen: Ich werde Bürgermeister.

Auch die Mittel, die Karl-Heinz Grasser aufwenden ließ, um sich von den Beamten seines Ressorts in "Krone"-Inseraten als Mister Euro feiern zu lassen, waren gut angelegt - die Leser waren dafür im redaktionellen Teil dabei, wie der Finanzminister mannhaft den Stephansturm erklomm. Das ließ den Familienminister nicht ruhen. Er setzte kürzlich, ebenfalls im Kleinformat, unter dem Titel Schlaue Eltern lernen nie aus die "Krone"-lesenden Erziehungsberechtigten des Landes von der Neuigkeit in Kenntnis: "Die lieben Kleinen . . ." - für viele Menschen sind sie der Sonnenschein im Leben. Doch der Erziehungsalltag mit Kindern ist eine große Herausforderung.

Erkenntnisse von solch pädagogischer Tiefgründigkeit darf man einem sorgfältig ausgewählten Publikum nicht vorenthalten, und für die Preisgabe eines ministeriellen Zauberwortes ist das, was ein ganzseitiges Inserat in der Farbbeilage der Sonntags-"Krone" kostet, nicht zu viel: Ein Zauberwort für mehr Harmonie innerhalb der Familie heißt: Elternbildung. Schließlich gilt es auch abzutragen, was die FPÖ dem Blatt für dessen Zauberworte zu ihrem Temelín-Volksbegehren schuldet.

Das Erfreulichste daran: Die entgeltl. Einschaltung war als Folge 1 spezifiziert, "Krone"-Leser und -Eigentümer dürfen also in freudiger Erwartung weiterer Zauberworte Haupts auf Regimentsunkosten verharren. Immerhin wurden dafür auch die Adressen einiger Elternbildungsvereine geboten. Nicht ganz so informativ war da die Bezahlte Anzeige - Seite 5 der gestrigen "Presse" -, in der der Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums in progress, HR Dr. Wilfried Seipel, einen Stimmungsbericht über Das KHM im Warschauer Schloß lieferte.

Es war ein besonderes Ereignis, als die Ausstellung "Schätze der Habsburger" des Kunsthistorischen Museums im Warschauer Schloß vom polnischen Staatspräsidenten Aleksander Kwásniewski und der Frau Bundesministerin Elisabeth Gehrer eröffnet wurde. So etwas müssen die Leser der "Presse" erfahren, sie könnten ja den detaillierten Bericht, den ihr Blatt diesem Ereignis schon sechs Tage zuvor gewidmet hat, überlesen haben. Dort fehlten allerdings einige protokollarische Highlights, die nachzutragen dem Generaldirektor im Sinne zweckmäßigen Inserierens erforderlich schien: Die Anwesenheit des polnischen Außenministers, Kulturministers und Wissenschaftsministers, aber auch einer über tausend Personen umfassenden Besucherschar zeigen den Stellenwert, den Polen dieser österreichischen Präsentation einräumt.

Um die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen zu dokumentieren, war sicherheitshalber ein schummriges Foto beigefügt, das den Generaldirektor in Fremdenführerpose neben der Frau des polnischen Staatspräsidenten und der Frau Bundesministerin, aber vor einer Ritterrüstung zeigte. Offenbar war er wirklich dabei. Das zweite Foto von ihm, das ihn in Denkerpose abbildet, hätte schließlich überall aufgenommen sein können. In der "Presse" kennt man ihn jetzt, insofern war das Inserat sein Geld wert.

Dass daneben das 1997 gegründete Lipizzanermuseum als eine Neugründung des KHM gefeiert wurde, sollte wohl zeigen, wie die Zeit vergeht. Die Freude darüber, dass es jährlich von rund 75.000 Besuchern besucht wird, scheint indes übertrieben. Erstens wurden im Jahre 2000 nur 66.500 und im Vorjahr nur 73.400 Karten verkauft, und zweitens ist man bei der Neugründung 1997 von jährlich rund 150.000 Besuchern als ökonomisch notwendig ausgegangen.

Das war am Wochenende im STANDARD zu lesen, allerdings nicht im Inseratenteil.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.2.2002)

Von Günter Traxler
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